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Die ertauben Menschen mit dem Cochlea-Implantat (CI) können ihre Hörfähigkeit nicht so gut entwickeln, wenn sie nach Erhalt eines Cochlea-Implantats viel lesen und auf das Geschriebene spezialisiert sind. Das haben die Forscherinnen von der Universität Genf und Paris herausgefunden. Bei bis zu zehn Prozent der spätertaubten Erwachsenen haben die Hörprothesen nur eingeschränkt Wirkung.

Diane Lazard vom Institut Vernes und Anne-Lise Giraud von der Universität Genf sprachen mit dem Fachblatt „Nature Communications“ darüber. Die beiden Forscherinnen haben untersucht, wie das Gehirn von ertauben Menschen mit dem CI den Klang eines gesprochenen Wortes verarbeitet und ihn nach der Implantierung wiederverwerten kann. Bei der Studie wurden 18 Gehörlose und zum Vergleich 17 Hörende mit funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRI) untersucht.

Für die Studie sollten 18 taube und 17 hörende Teilnehmer bei einer Reihe von Wortpaaren wie „Kraftwerke“ und „Stromstärke“ entscheiden, ob sie sich reimten oder nicht. Die Probanden mussten dafür auf ihre Erinnerung an Klänge zurückgreifen. Die Hirnaktivität dabei untersuchten die Forscherinnen mit funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRI).

Einige der gehörlosen Probanden lösten die Aufgabe schneller und besser als die Hörenden. Lazard und Giraud erklärten das so: Ihr Gehirn hat sich von mündlichem auf schriftlichen Austausch umgestellt und zeigte im Versuch entsprechend angepasste Hirnaktivitätsmuster. Dadurch können sie Geschriebenes schneller erfassen und verarbeiten als Hörende, werden somit zu „Super-Lesern“.

Die anderen gehörlosen Probanden, die die Aufgabe gleich schnell lösten wie die hörende Kontrollgruppe, hatten das Lippenlesen gelernt und waren dadurch im mündlichen Austausch verankert geblieben, schrieb die Uni Genf. Das zeigte sich auch an ihrer Hirnaktivität, die mehr der von Hörenden glich.

Die „Super-Leser“ haben den Nachteil, dass bei ihnen die Hörprothesen nicht funktionieren. Ob sich die Anpassung des Gehirns auf Geschriebenes wieder rückgängig machen ließe, ist laut Hazard noch schwierig zu sagen. Die Idee sei aber auch, im Voraus erkennen zu können, welche Personen mit Hörverlust mehr zum Geschriebenen tendieren und ihnen aktive Mittel anzubieten, um den Bezug zum Mündlichen nicht zu verlieren. „Wir wissen nicht, warum bestimmte Personen unbewusst die eine gegenüber der anderen Richtung bevorzugen“, sagte Giraud. Veranlagung spiele aber sicher eine Rolle: Wer auditive und visuelle Reize besonders gut integriere, bleibe auch bei Hörverlust wahrscheinlich mehr mit der mündlichen Kommunikation verbunden. Die Resultate deuteten auch darauf hin, wie wichtig es sei, gehörlos geborene Kinder möglichst innerhalb der ersten Monate ihres Lebens mit einer Hörprothese auszustatten: Also bevor sich die Schaltkreise zur visuellen und auditiven Verarbeitung im Gehirn neu organisieren und sich ihr Zugang zur Mündlichkeit dadurch erschwert.

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