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Die deutsche Gebärdensprachgemeinschaft kann sich noch gut an Roland Herrmann erinnern, der zusammen mit Rudolf Sailer und Helene Jarmer den gemeinsamen Bildungskongress ins Leben gerufen hat. Er ist Ende September 2016 als Präsident des Schweizerischen Gehörlosenbundes aus beruflichen Gründen zurückgetreten.

Am Samstag, 13. Mai 2017 haben sich die Delegierten des Schweizerischen Gehörlosenbundes im Palazzo dei Congressi in Lugano zu ihrer jährlichen Versammlung getroffen. Höhepunkt war die Wahl von Dr. Tatjana Binggeli (44) zur neuen Präsidentin des Schweizerischen Gehörlosenbundes SGB-FSS.

Foto: SGB

Sie ist Vorstandsmitglied seit 2012, Vizepräsidentin seit Mai 2015 und leitete den Vorstand seit Roland Hermanns Rücktritt als Präsidentin ad interim.

Dr. Binggeli wurde von den Delegierten in Lugano ohne Gegenstimme zur neuen Präsidentin gewählt, wobei sich viele Delegierte aus der französischsprachigen Romandie der Stimme enthielten. Die neue Präsidentin des Schweizerischen Gehörlosenbundes versprach, dass sie sich dafür einsetzen werde, dass sich alle Regionen gleichberechtigt und nach ihrer kulturellen Eigenheit entwickeln können.

Dr. Binggeli wohnt im Kanton Aargau im Norden der Deutschschweiz, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sie hat Zahnmedizin, Naturwissenschaft und medizinische Wissenschaft studiert und ihre Doktorarbeit über die Taubheit und das Gesundheitswesen geschrieben. Aktuell arbeitet sie in der Forschung an der Spezialklinik in Basel.

Dr. Tatjana Binggeli und Roland Hermann (Foto: SGB)

Neben der Gesundheit gehören Barrierefreiheit und Gleichberechtigung auch zu ihren Themen. Im Gespräch mit dem hauseigenen Spendenmagazin „GanzOhr“ erzählte sie von ihrem schwierigen Weg:

„Mit sehr viel Aufwand und mit moralischer Unterstützung meiner Eltern. Ich wusste früh, dass ich Medizin studieren möchte. Mein beruflicher Werdegang war kein Spaziergang. Mir wurden von Fachleuten oft Steine in den Weg gelegt, aus Vorurteilen gegenüber Gehörlosen. Ich wurde zur Expertin, um Steine zu sprengen. Es ist immer noch nicht selbstverständlich, wenn ein Gehörloser eine höhere Ausbildung macht. Der Zugang
zu einer höheren Ausbildung für Gehörlose ist in der Schweiz nicht hindernisfrei. Aber jetzt arbeite ich im Schweizerischen Gehörlosenbund daran, diese Barrieren endlich ganz abzureissen. Damals war ich alleine, heute kann ich im Verband für alle kämpfen. Meine Doktorarbeit habe ich für die Gehörlosengemeinschaft geschrieben, in ihrem Namen. Es ist ein wissenschaftlicher Beweis, damit wir endlich ernst genommen werden.“

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