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Meine Eindrücke vom letzten Gipfeltag und mehr:

Die große Demo „Grenzenlose Solidarität statt G20“

Nach all den schlimmen Randalen am Rande des G20-Gipfels in Hamburg, gab es am letzten Veranstaltungstag eine große Demonstration zum Thema „Grenzenlose Solidarität statt G20“.

Ein Werbeplakat mit dem türkischen Präsidenten von fritz-kola zum G20-Gipfel. (Foto: Erik Körschenhausen)

Als Startpunkt dieser Demo wurde der Deichtorplatz, eine sonst riesige verkehrsreiche Straßenkreuzung in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofes / Steinstraße, ausgewählt. Starten sollte diese Demonstration um 13 Uhr und nach St. Pauli zum Millerntorplatz verlaufen. Als ich um kurz nach 12 Uhr aus der U-Bahnstation Steinstraße heraus kam, war ich überwältigt von der Menschenmasse, die schon vor Ort war. Zigtausende Menschen, egal ob jung oder alt, dick oder dünn und hübsch oder häßlich, bevölkerten den Bereich von den Deichtorhallen / Steinstraße bis in Richtung Messberg / Chilehaus.

Da ich zu Fuß nicht schnell genug nach vorne kommen konnte, bin ich mit der U-Bahn eine Station weiter gefahren und dort am Messberg standen schon die Polizeihundertschaften mit ihren Fahrzeugen bereit vor dem Demozug. Die Stimmung war sehr friedlich und fröhlich. Die Polizisten waren sehr freundlich, aber bestimmt. Man sah Ihnen an, dass sie alle sehr erschöpft von den harten Einsätzen in den letzten 48 Stunden bei den schlimmen Krawallen in der Schanze und anderswo waren.

Ein buntes Volk auf der Willy-Brandt-Straße. (Foto: Erik Körschenhausen)

Ein Problem gab es für mich und eigentlich allen tauben und hörgeschädigten Menschen, dass die Polizisten alle eine Sturmhaube (wie beim Motorrad) auf haben und so ihren Mund / Lippen verdecken, wenn man mit ihnen ins Gespräch kommt… Man muss schon sehr genau und freundlich hinweisen, dass man auf die Lippen angewiesen ist (besser wäre natürlich, sie könnten Gebärdensprache). Wir können ja nicht wissen, ob wir angesprochen werden oder nicht.

In den Nebenstraßen jede Menge Einsatzfahrzeuge der Polizei. (Foto: Erik Körschenhausen)

Der Demonstrationszug startete recht pünktlich um eins und zog dann eine unglaubliche Kalvakade von Menschen, angeführt von zighundert Bereitschaftspolizisten in voller Kampfmontur (aber die Helme waren unten), über eines der wichtigsten Hamburger Hauptstraßen, die sechs- bis achtspurige Willy-Brandt-Straße. Viele verschiedene Gruppierungen haben auch zu dieser Demo aufgerufen. Laut einigen verläßlichen Quellen waren es über 100.000 Teilnehmer auf dieser Demo! Schaute man nach vorne, endlose Menschenschlange und schaute man nach hinten, auch kein Ende in Sicht!

Spezialkräfte der Bundespolizei standen Spalier – es ist die noch neue Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit, kurz BFE+. (Foto: Erik Körschenhausen)

An den Kreuzungen mit den Seitenstraßen passten weitere Polizei-Hundertschaften in endlosen Reihen aufgestellt auf, dass die Demo, speziell der schlimme radikale „Schwarze Block“ mit den Vermummten, sich eine andere nicht genehmigte Route nahm. Zum Teil waren auch Beamte der recht neuen Spezialeinheiten BFE (Bundespolizei Festnahme-Einheit) anwesend. Mit ihrer richtig schwarzen Kampfkleidung sehen sie für normale Bürger schon sehr furchteinflößend aus. Überall wo man hinschaute, zighunderte Polizeifahrzeuge in den Nebenstraßen, zum Teil in Zweierreihen hintereinander. In der Luft waren auch mehrere Polizei-Hubschrauber, die die Demo von oben überwachten.

Von einer Fußgängerbrücke seilten sich zwei Protestler ab und baumelten über den Demonstranten. (Foto: Erik Körschenhausen)

Am Rödingsmarkt seilte sich ein Pärchen mit einem Protestplakat von einer Fußgängerbrücke über die breite Willy-Brandt-Straße ab, die Polizisten schauten nur zu und liessen sie da über den Köpfen der Demonstranten „baumeln“. Einige Demonstranten hatten sich auch richtig bunt und fröhlich verkleidet oder hielten Plakate mit lustigen Sprüchen zum Thema G20, Globalisierung und gegen den Kapitalismus hoch.

Zigtausende Menschen auf der Straße. (Foto: Erik Körschenhausen)

Auf dem Bahnsteig der Hochbahnhaltestelle Rödingsmarkt der Ringlinie U3 verschaffte ich mir einen Überblick von oben. Vorne und hinten, endlose Menschenschlangen, da bekam ich auch schon eine richtige Gänsehaut. War auch sehr stolz darauf, dabei gewesen zu sein und es bis jetzt noch sehr friedlich ablief. Das ist keine Selbstverständlichkeit nach den Vorfällen in den letzten 48 Stunden in Hamburg.

Blickrichtung Millerntor / St. Pauli. Links grüßte die St. Michaeliskirche. (Foto: Erik Körschenhausen)

Irgendwann mussten wir auf Anweisung des Hochbahn-Personals den Bahnhof räumen, weil es aus Sicherheitsgründen geschlossen werden musste. Die U-Bahnen fuhren dann ohne Halt durch den Bahnhof. Diese Praxis wurde in Hamburg öfters angewendet, so auch in der Station Messehallen in der Nähe der Messegelände, dem Hauptveranstaltungsort des diesjährigen G20-Gipfels mit all den wichtigen „Tieren“ wie Bundeskanzlerin Merkel, US-Präsidenten Donald T., dem Präsidenten Rußlands, Putin usw.

Mehr als 20.000 Polizisten aus dem gesamten Bundesgebiet in Hamburg

Am Rande der Demo beobachtete ich am Rödingsmarkt den unglaublichen Polizeiverkehr – endlose Kolonnenfahrten. Schwere Einsatzfahrzeuge wie die modernen Wasserwerfer des Types „WaWe 10“ und Räumpanzer.

Am Rödingsmarkt standen zwei der neuen und fies schauenden Wasserwerfer „WaWe 10“ links und rechts neben der U-Bahn. (Foto: Erik Körschenhausen)

Bin mit der netten Besatzung eines der schweren Wasserwerfer ins Gespräch gekommen und die netten Polizisten erlaubten mir einen Blick in ihre Kabine. Durfte aus verständlichen Gründen keine Fotos von innen machen. Dieses Fahrzeug hat fünf Mann Besatzung: der Kommandant, der Fahrer, ein Beobachter und zwei Wasserpistolenbediener. 10.000 Liter Wasser fasst der Tank, 408 PS stark und ist vollbeladen 31 Tonnen schwer. Verschiedene Strahlstärken können gewählt werden, mit dem stärksten (was selten genutzt wird) ist der Tank in 3 Minuten leer! Mindesten vier dieser „WaWe 10“ hat Hamburg, bundesweit sollen es bis 78 Fahrzeuge werden.

Als der Demozug nach mehr als anderthalb Stunden durch war, kamen die Meldungen, dass am Millerntor die Stimmung wieder zu kippen drohte. Einige Idioten wagten wieder, Flaschen auf die Polizisten zu werfen. So fuhren die ganzen Einsatzfahrzeuge am und um Rödingsmarkt los. Soviele Einsatzfahrzeuge habe ich noch nie auf einmal in meinem Leben gesehen. Und ich bin schon bei vielen Demos dabei gewesen. Für mich ist das eine immense Steuergeldverschwendung, so einen G20-Gipfel in einer Großstadt durchzuführen.

Am Rande gab es eine schöne menschliche Geste: einer der Polizisten stieg aus dem Wasserwerfer SN 3 (Polizei Sachsen) aus und brachte einer Obdachlosen am Straßenrand den Lunchpaket von ihm und seiner KollegInnen. Sind auch nur Menschen.

So leer sah es in den Tagen zur Zeit des Gipfels auf den großen Hauptstraßen oft aus – die Willy-Brandt-Straße in Richtung St. Nicolai. (Foto: Erik Körschenhausen)

Als an dem einen Freitag Abend die Lage im Schanzenviertel sehr schlimm wurde, mussten bei Häuser- und Dachdurchsuchungen stark bewaffnete Spezialeinsatzkräfte Deutschlands und Österreich (Cobra!) mit Nachtsichtgeräten eingesetzt werden. Es waren schon Bürgerkriegsähnliche Zustände. Und das mitten in Europa! Schlimm.

Die fatalen Auswirkungen des G20-Gipfels für Hamburg

Hamburg war in den letzten Tagen auch verkehrsmäßig, egal ob privater PKW oder öffentlicher Nahverkehr, sehr stark eingeschränkt. Dank der vielen Absperrungen wegen des Gipfels und vielen Kolonnenfahrten der Präsidenten und Co. von und zum Flughafen zu den Veranstaltungsorten (Messegelände und Rathaus) ist der Straßenverkehr am Donnerstag komplett zusammengebrochen, so schlimm, dass einige Autofahrer, die morgens von außerhalb in die Stadt zur Arbeit fahren wollten, gar nicht ihre Arbeitsstätte erreichen konnten, auch auf dem Heimweg stecken geblieben sind. Pure Verzweiflung – stundenlang stand alles! So war der Busverkehr auch eingestellt, die Busse standen eingekeilt zwischen den Autos. Wer noch versuchte, mit den U- und S-Bahnen zu fahren, hatte auch meistens keine Chance. Oft waren die Verbindungen wegen der Polizeieinsätze oder technischen Störungen unterbrochen.

Die U-Bahnstation Messehallen war während des Gipfels geschlossen und die U2-Züge fuhren ohne Halt durch. (Symbolfoto: Erik Körschenhausen)

In den Krawallnächten wurde im Innenstadtgebiet auf Anweisung der Polizei zwischen Altona und Hbf zweimal zwischen ca. 17 Uhr und 3 Uhr nachts der komplette Schnellbahnverkehr (U- und S-Bahnen) eingestellt!!! Das gab es noch nie in Hamburg! Auch tagsüber viele Störungen, wegen brennender Autos, randalierender Radikalen, die auch im Bahnhof Altona eine Polizeiwache angriffen…  (Idioten!).

Ohne die 20.000 Polizisten „würde Hamburg noch brennen“

Leichte und schwere Einsatzfahrzeuge. Rechts ein Räumpanzer der Polizei Hamburg. (Foto: Erik Körschenhausen)

Nachdem die Politiker der großen weiten Welt Hamburg wieder verlassen haben und die Bürger (An diesem Sonntag kamen 1.000 Hamburger in den am schlimmsten getroffenen Schanzenviertel und räumten freiwillig auf!) und Stadtreinigung in der Stadt die schlimmsten Spuren der Krawalle beseitigten, wurden die Kritiken gegen die Hamburger Politikführung um Bürgermeister Scholz und Innensenator Grote (beide SPD) sehr laut.

Nun bin ich gespannt, ob unser Bürgermeister die schlimmsten Fehler seiner Karriere übersteht. Sie haben noch vor dem G20-Gipfel noch groß getönt, das sei „doch nur wie ein Hafengeburtstag“ oder „Am 9. Juli hat man alles wieder vergessen“.

Die mehr als 20.000 Polizisten haben ihr Bestes getan – natürlich gab es auch da ein paar schwarze Schafe, aber die meisten waren super – und waren am Ende wirklich am Ende mit ihren Kräften. Auf beiden Seiten gab es viele Verletzte, zum Glück keinen Toten – aber weit war das nicht mehr. In der schlimmsten Krawallnacht mussten bewaffnete (!) Spezielkräfte Häuser und Dächer durchsuchen. Für viele Anwohner war das schon wie im Krieg. Viele der Polizisten waren mehr als 48 Stunden auf den Beinen (!) und am Ende waren viele von ihnen wirklich extrem erschöpft und konnten sich kaum auf ihren Beinen halten. Viele sind auch stinksauer auf die Führung und die Politiker, weil sie sich verheizt fühlen und ab und zu kaum was warmes zu essen hatten.

Meine Meinung dazu

Solche Gipfel darf man nicht mehr in einer Großstadt veranstalten, solange die schlimmen Links- (oder auch Rechts-)radikalen NICHT kontrollieren kann. Es gab auch Situationen, wo viele von uns sich fragten – wo war die Polizei – als der schwarze Mob durch die Altonaer Straßen randalierte und zig Autos in Brand setzten? In den schlimmen drei Stunden war weit und breit keine Polizei!!! Was hat die Polizeiführung unter dem sowieso stark kritisierten Hartmut Dudde sich dabei gedacht? Mittlerweile wurde auch von der Führung zugegeben, dass die Mehrheit der Polizisten nur um die Hochsicherheitszone um den Veranstaltungsort kümmern sollte und so zu wenig Polizisten für außerhalb dieser Zone verfügbar waren. Wenn das wirklich so einkalkuliert war, ist das ein handfeste Skandal.

So ganz nebenbei: wenn solche schlimmen Zustände passieren, wo sind die Gebärdensprachdolmetscher in den Nachrichten bzw. wichtigen Meldungen für die Bürger? In vielen anderen Ländern ist ein GS-Dolmetscher ganz selbstverständlich.

Nun ist wieder Ruhe in Hamburg eingekehrt – auch in der Speicherstadt. (Foto: Erik Körschenhausen)

So nicht, das hat Hamburg nicht verdient. Nun ist hoffentlich wieder Ruhe…

 

Ein 17-minütiger Film mit UT (cc aktivieren):

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