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In Darwin, Australien, wartet ein eingeborener Häftling im Gerichtssaal auf sein Urteil. Neben ihm auf der Anklagebank sitzt sein Wächter, Troy Vanderpoll. Der Richter stellt ein paar Fragen, der Häftling nickt zustimmend und sagt immer wieder „ja“. Die Sitzung ist vorbei und der Häftling steht auf, dreht sich zum Wächter und fragt „Wie lange muss ich denn sitzen?“ Er hatte den Richter nicht hören können.

Darwin ist der Hauptstadt des Northern Territory, ein Bundesterritorium, in dem ein Viertel der Bevölkerung indigen ist. Doch sie machen 84 % der dort inhaftierten Erwachsenen und 96 % der inhaftierten Jugendlichen aus.

In seiner Rolle als Justizvollzugsbeamter war Troy Vanderpoll Verbindungsbeamter für Urvölker. Er selbst ist indigener Australier. In seiner Arbeit in Gefängnissen im Northern Territory hatte er bemerkt, dass viele eingeborene Insassen sich extrem zurückgezogen verhielten und Kontakt mit Wächtern, Bewährungshelfern und Richtern vermieden, auch wenn sie ihnen hätten helfen können. 2010 sprach er mit einem Psychologen, Doktor Damien Howard, um ihr Verhalten besser zu verstehen.

Eine unsichtbare „Epidemie“ von Hörproblemen unter Ureinwohnern?

Seit über zwanzig Jahren hatte Howard die Auswirkungen von Hörverlusten auf Einheimische erforscht. Seine Vermutung war, dass es eine unsichtbare „Epidemie“ von Hörproblemen unter Ureinwohnern gebe.

Aufgrund des Interesses der beiden Männer ließ Robert Miller, der damalige stellvertretende Leiter des Darwin Correctional Centre, das Hörvermögen der eingeborenen Insassen untersuchen. Vanderpoll hatte als Sanitäter bei der Armee gelernt, Hörtests durchzuführen. Howard hat die Ergebnisse dann zusammengestellt.

Ihre Erkenntnisse kamen 2011 in die Schlagzeilen. 94 % der getesteten Gefangenen hatten hochgradige Hörminderungen!

Diese Ergebnisse spiegeln ein weitläufiges Gesundheitsproblem wider. In den erlegenen Gemeinschaften, in denen viele Einheimische wohnen, sind bis zu 45 % der Bewohner hörgeschädigt. Ursächlich sind meist vermeidbare Erkrankungen des Ohres in der Kindheit.

„Wir waren alle schockiert.“

„Ich glaube, wir waren alle schockiert, dass der Hörverlust so gravierend war“, sagte Miller. Er beschrieb, wie im Nachhinein alles Sinn machte: „….das Gedächtnis ruft alte Erinnerungen hervor. Einige Gefangene schienen nicht mit einem zu sprechen, das zu ignorieren, was man sagte. Jetzt versteht man, dass er ein Problem mit dem Hören hat. Kein Wunder, dass er mich nicht hören konnte.“

„Wenn du nichts davon weißt, denkst du vielleicht, dass sich der Gefangene einfach dumm oder unhöflich verhält, indem er auf etwas nicht reagiert, das du gesagt hast.“

Darwin (Foto: Ken Hodge)

In Gefängnissen im Northern Territory benutzen die einheimischen Männer oft Gesten und Gebärden. Doch dies war nicht Anlass zur Vermutung, dass Hörverlust so weit verbreitet ist. Die Urvölker des Northern Territory sprechen nämlich sowohl Lautsprachen als auch Gebärdensprachen.

„Die Jungs gebärden ständig. Ständig! Ob sie hören können oder nicht – sie gebärden trotzdem,“ bemerkte Miller.

Die meisten Insassen waren ebenso überrascht über die Ergebnisse, da sie bisher keine Ahnung hatten, dass sie Hörprobleme hatten. „Sie waren damit aufgewachsen. Ihr ganzes Leben war eben so gewesen,“ sagte Vanderpoll.

Doch auch unbewusst hatte ihr Hörstatus womöglich ihre Erfahrungen im Strafrechtssystem geprägt. Viele gaben zu, Umgang mit dem Bewährungsausschuss gemieden zu haben.

„Alles was sie in die Lage versetzte, mit einem Fremden zu sprechen oder von einem Fremden überprüft werden zu müssen, war für sie so schockierend oder beängstigend, dass sie lieber im Gefängnis bleiben und ihre gesamte Strafe abbüßen würden, auch ohne eine Chance auf Bewährung“, erklärte Vanderpoll.

Nur eine einzige Dolmetscherin in Northern Territory

Obwohl die meisten Einheimischen mit Hörminderung vor Gericht nicht um einen Dolmetscher bitten, würden sie wahrscheinlich gar keinen bekommen können, selbst wenn sie darum bäten. Obwohl das ganze Northern Territory fast viermal so groß wie Deutschland ist, gibt es nur eine einzige qualifizierte Auslan-Dolmetscherin.

Diese Dolmetscherin, Liz Tempel, sagt, sie kenne die örtlichen einheimischen Gebärdensprachen nicht. Oft muss sie mit einer tauben einheimischen Dolmetscherin zusammenarbeiten, so wie Jody Barney, die Kenntnisse in vielen einheimischen Gebärdendialekten besitzt. Doch die Finanzierung ist oft nicht gewährleistet.

Stattdessen werden Gefängniswärter häufig zu Quasi-Dolmetschern, die dem Richter zuhören und dann dem Häftling sagen, was gerade passiert.

Robert Miller fragt sich, ob die Hörminderung unter Einheimischen nicht nur eine Wirkung auf ihre Erfahrungen im Rechtssystem hat, sondern ob sie auch dazu führt, dass sie überhaupt da ankommen. In seiner Forschung fand er heraus, dass Einheimische mit Hörverlust öfter verhaftet und angeklagt werden, weil sie sich mit der Polizei und dem Anwalt nicht verständigen können. Sie erleben oft Missverständnisse mit Justizvollzugsbeamten und werden im Gericht für unglaubwürdige Zeugen gehalten.

Der 2011 erscheinende Bericht von Vanderpoll und Howard machte Vorschläge, dass neue Insassen Hörtests bekommen sollen und dass Zugang zu Hörgeräten erleichtert werden sollte. Polizisten, Wächter und Gerichtsbehörden sollten besser ausgebildet werden.

Vanderpoll hat auch auf einen Informationsaustausch zwischen Polizei und Gerichten gehofft, um im Voraus zu wissen, ob jemand eine Hörminderung hat und entsprechender Behandlungsbedarf besteht.

2013 hat Vanderpoll angefangen, in einer anderen Branche zu arbeiten und Miller ist inzwischen berentet. Soweit Doktor Damien Howard weiß, wurde keiner ihrer Vorschlägen umgesetzt. „Mit seltenen Ausnahmen haben Regierungen, Strafvollzugsbehörden aller Zuständigkeitsbereiche sowie auch Forschungseinrichtungen für Strafrechtspflege ein verblüffendes Desinteresse an diesem wichtigen Problem gezeigt“, so Howard.

Neue Insassen werden gefragt, ob sie ein Hörproblem haben, wenn sie im Gefängnis empfangen werden. Doch zeigen Forschungen, dass vielen ihr Hörstatus selbst nicht bekannt ist. Erst seit diesem Jahr bekommen jugendliche Gefangene in Darwin und Alice Springs Hörtests. Die Erwachsenen hingegen immer noch nicht.

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