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Im Jahre 1964 ist eine Gruppe tauber Probanden in einem Boot aufs Meer vor der Küste Neuschottlands gefahren. Die See war stürmisch und das Boot wurde mit voller Wucht hin und her gerissen.

„Ehrlich gesagt war das eine herrliche Zeit“, sagte Barron Gulak, einer der Versuchspersonen. „Wir haben uns amüsiert. Wir haben während des Sturms sogar Mahlzeiten gegessen. Und als [die Forscher] uns beim Essen angesehen haben, wurde ihnen noch übler und sie haben sich übergeben.“

Jahrelang haben Gulak und die anderen in der Gruppe an der Forschung teilgenommen, die von der US-Marineschule im Auftrag der NASA ausgeführt wurde. Sie haben tagelang in sich drehenden Räumen gelebt, schwerelos im Innenraum eines Flugzeugs geschwebt, während er Parabelflüge gemacht hat, und waren auch auf dem Boot im Sturm.

„Ich bin patriotischer Amerikaner“, sagte Gulak. „Ich wollte meinem Land dienen, so gut ich konnte. Da ich taub bin, durfte ich dem Militär nicht beitreten. Das war meine Art zu dienen.“

„Sie wollten Gleichgewichtssinn und Bewegungskrankheit, Seekrankheit und solche Sachen erforschen“, sagte der 79-jährige Harry Larson, der auch an der Forschung teilgenommen hat. „Die NASA wollte mehr davon erfahren, was ein Mensch in Schwerelosigkeit leisten kann.“

Viele von den Versuchspersonen wurden ausgewählt, als Kardiologe Ashton Graybiel und andere Vertreter der Marineschule die Gallaudet University besucht haben. Mehr als 100 Studenten und Mitarbeiter der Universität wurden getestet, bis schließlich nur eine Handvoll gewählt wurde, die überwiegend aus Studenten bestand.

Foto: Courtesy of Gallaudet University Archives, David Myers Collection

In den Versuchen ging es nicht um die Gehörlosigkeit der Probanden, sondern um den Gleichgewichtssinn. „Bis auf eine Versuchsperson waren sie alle durch spinale Meningitis ertaubt worden, die ihr Innenohr geschädigt hatte“, erklärte Jean Bergey, stellvertretende Direktorin des Drs. John S. & Betty J. Schuchman Deaf Documentary Center. „Das heißt, sie konnten Bewegung und Gravitationskräfte aushalten, die bei anderen Übelkeit auslösen.“

Einer der Teilnehmer, David Myers, 80, erklärte in einer E-Mail an The Washington Post, dass Gehörlose damals weder Recht noch Erwartung auf einen Dolmetscher hatten. Die Gallaudet-Gruppe nahm also nur mit „beschränkter Vorbereitung und Verständigung“ an der Forschung teil. „Wir erhielten kurze, schriftliche Anweisungen, die hauptsächlich beschrieben haben, was wir zu machen hatten, statt ein Verständnis der jeweiligen Aufgaben zu vermitteln.“

„Dieser Mangel an Dolmetschdiensten spiegelte den damaligen Zeitgeist wider, und war keine Verweigerung des Bedürfnisses nach diesen Diensten“, fügte Myers hinzu.

Harry Larson sagte, er hat an der Forschung nur „zum Spaß“ teilgenommen. „Im Großen und Ganzen muss ich sagen, es hat mich sehr gefreut, diese Ausflüge machen zu dürfen. Das war für uns ein Abenteuer. Wir hatten die Gefahren bestimmt nicht im Sinne. Das waren eher spaßige Sachen, die man machen konnte.“

Bei einem Versuch musste Larson stundenlang stehen, mit Klettband an einem Pfosten festgeschnallt, während andere Fotos von seinen Augen machten. Das war das erste Mal, dass er diesen Stoff gesehen hatte. „Das war wirklich schwierig, so lange nur stehen zu müssen.“

David Myers erinnert sich an ein sich drehendes Zimmer, in dem die Beteiligten tagelang gelebt haben, sogar beim Essen und Schlafen. Am Anfang sei es schwierig gewesen zu gehen, doch am dritten oder vierten Tag fingen sie an, sich anzupassen.

„Das war eine Menge Arbeit. Eine Menge harte Arbeit“, sagte er. „Für [die Gruppe hörender Teilnehmer] – vielen von denen wurde in diesem Zimmer extrem übel.“

Meyers sagte, er habe auch John Glenn getroffen, der Jagdflieger in der Marine war und der erste Amerikaner, der die Erde im Raumfahrzeug umkreist hatte. Glenn habe Myers gesagt, er hatte von den Gallaudet-Probanden gehört. „Als er erfahren hatte, dass es eine Gruppe Tauber gab, denen nie übel wird, war er in seinen Worten ‚neidisch‘ auf uns.“

An der Gallaudet University ist zur Zeit eine Ausstellung über die gehörlosen Probanden, ihre Geschichten und die Forschung, an der sie teilgenommen haben.

Heutzutage werden solche Versuche im Ashton Graybiel Spatial Orientation Laboratory an der Brandeis University in Massachusetts ausgeführt. Paul DiZio, ein außerordentlicher Professor an der Brandeis Uni war bei der Eröffnung der Gallaudet-Ausstellung und erzählte den Anwesenden, dass die Arbeit dieser tauben Probanden immer noch häufig zur Sprache kommt, auch Jahrzehnte später.

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