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Der G20-Gipfel findet heute und morgen in Hamburg statt und legt die Hafenstadt bereits lahm. In vielen Wohnvierteln geht es weder vorwärts noch rückwärts. Auch der öffentliche Nahverkehr ist betroffen. Die meisten Staatsgäste des Gipfels sind bereits in Hamburg gelandet, darunter die Bundeskanzlerin Angela Merkel, Donald Trump, Xi Jinping, Recep Tayyip Erdoğan und Justin Trudeau.

Die G20 (Abkürzung für Gruppe der Zwanzig) ist ein seit 1999 bestehendes Gipfeltreffen aus 19 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer und der Europäischen Union. Auf dem diesjährigen Gipfel in Hamburg werden das globale Finanzsystem, Klimapolitik, regionale Konflikte, Digitalisierung, Steuerdumping und auch Terrorismus thematisiert werden.

Das Treffen der Mächtigen bedeutet enorme Einschränkungen für die Bewohner in Hamburg. Auch für die taube, schwerhörige Menschen sowie Hörende mit Gebärdensprachkompetenz. Taubenschlag fragt bei einigen nach, wie sie das Ganze gerade jetzt erleben. Es ist auch für sie nicht einfach, durch die Stadt zu fahren.

Gebärdenwerk hat gestern und heute zu

Ralph Raule (50) ist einer davon und erzählte uns, dass er und fast alle Mitarbeitende seiner Firma Gebärdenwerk bereits gestern dem Hamburger Zentrum fern geblieben sind und zu Hause arbeiten. Nur eine Mitarbeiterin ist gestern zum Büro gegangen. Heute sind alle Mitarbeitende freigestellt worden. Die Firma produziert seit 2003 barrierefreie Gebärdensprachfilme und hat sein Büro an der Gotenstraße, die während des Gipfels komplett gesperrt ist. Man kann nicht mit dem Auto raus aus dieser Straße fahren.

Dauerndes Blaulicht störte Simone

Foto: Simone Bräunlich

Simone Bräunlich (34) ist Sozialpädagogin und war gestern mit dem Fahrrad durch einige Straßen unterwegs – auch durch das Dammtor in der Nähe vom Institut für Deutsche Gebärdensprache und vom Veranstaltungsort des Gipfels.

Der Bahnhof Hamburg Dammtor ist mit rund 55.000 Reisenden pro Tag und 273.000 Stationshalten pro Jahr der drittgrößte Bahnhof Hamburgs und war bereits gestern komplett autofrei. „Kein einziges Auto! Ja, wirklich NULL Auto! Es war dort sehr still und ruhig“, erzählte Simone. Viele Menschen konnten sich mit Fahrräder durch die Straßen am Dammtor fahren.

Ruhig war es für Simone dort auch nicht: „Ehrlich gesagt kann ich nicht zählen, wie viele überhaupt Polizeiwagen und Motorräder mit dem Blaulicht an mir vorbei gefahren sind. Die Farbe Blau kann ich wirklich nicht mehr sehen und nervt mich sehr.“

Überall waren Polizisten mit schweren Waffen zu sehen. Es war Simone unheimlich. Sie war sehr froh darüber, gestern heil nach Hause gekommen zu sein.

Thimo war auch in der Sperrzone

Foto: Thimo Kleyboldt

Thimo Kleyboldt (48) erzählte uns auch vom ungewöhnlichen Ereignis am Dammtor: „Kaum Verkehr vor dem normalerweise hochfrequentierten Bahnhof. Die Hauptstraße zwischen der Universität und dem Bahnhof ist leergefegt.“

Er ist Dipl.Pädagoge, Gebärdensprachdozent und Buchautor. Er macht zur Zeit Ausbildung zum tauben Gebärdensprachdolmetscher und machte gestern Hospitationspraktikum an der Universität: „Beim Seminar an der Universität war nur ein Drittel der Studierenden anwesend. Die anderen machten aber nicht einfach blau, sondern sind vom Seminarbesuch freigestellt worden. Das Universitätsgelände gehört zur Sperrzone. Niemand darf sich durch diese Gelände fortbewegen. Durch die „Verbotszone“ dürfen nur Anwohner mit dem Auto durchfahren. Auch die meist genutzte Buslinie Europas Nr. 5 ist unterbrochen.“

Für Thimo waren auch viele Polizeiautos mit Kennzeichen aus anderen Bundesländern ungewöhnlich. Er fühlte sich unsicher und musste öfter nach hinten schauen, ob er nicht von hinten angesprochen wird: „Wer weiß, vielleicht ruft ja einer nach mir: ‚HALT, bleiben Sie stehen!‘?“

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