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Sonja Lewandowsky arbeitet seit 25 Jahren mit und bei hörbehinderten Menschen in der Paulinenpflege Winnenden. Zuerst als Internats-Mitarbeiterin im BBW Winnenden, seit 2002 als erste offizielle Gebärdensprachdolmetscherin der Paulinenpflege. Kurz vor ihrem Sabbatjahr zieht sie eine vorläufige Bilanz. Die Paulinenpflege hat mit ihr ein Interview geführt:

Als Sie 1992 in der Paulinenpflege Winnenden anfingen, wurden Sie zum ersten Mal mit Gehörlosen und der Gebärdensprache konfrontiert. Wie erging es Ihnen da?

Ich kam damals als Sozialpädagogin auf eine Internatsgruppe des BBW Winnenden. Ich hatte kein Vorwissen, noch nie einen gehörlosen Menschen getroffen.  Dass ich aber deren Sprache lernen musste, wenn ich pädagogisch arbeiten wollte, stand für mich außer Frage – ich glaube, ich habe darüber gar nicht groß nachgedacht. Wenn ich in ein anderssprachiges Land gegangen wäre, hätte ich auch die Sprache lernen müssen, um dort zu arbeiten. Nun war ich also in „Gehörlosenland“ gelandet.  Zum Glück waren meine damaligen Kollegen derselben Ansicht  – damals nicht selbstverständlich. In der Paulinenpflege war in den 90ern noch oft die Haltung verbreitet: „Draußen kann auch niemand gebärden, die Gehörlosen müssen sich anpassen!“

Ich verstehe dieses Argument bis heute nicht. Niemand würde zu einem Rollstuhlfahrer sagen: „Draußen sind überall Stufen! Also streng dich an und lerne zu laufen!“ Vielleicht lag es damals daran, dass Gehörlosigkeit eine unsichtbare Behinderung ist, und deshalb scheinbar manchmal unterstellt wurde, die Fähigkeit, in Lautsprache zu kommunizieren, wäre abhängig vom guten Willen der Betroffenen.

Bei Ihnen ist es aber nicht nur bei „Learning by doing“ geblieben? Heute sind Sie ja Gebärdensprachdolmetscherin?

Das stimmt. Ein Kollege im Internat hat mich auf ein berufsbegleitendes Studium in Frankfurt hingewiesen. Das war dann mein Ding. Allerdings habe ich damals nicht gedacht, dass ich mal hauptberuflich als Gebärdensprachdolmetscherin arbeite. 2002 wurde in der Paulinenpflege dann die erste Dolmetscher-Stelle geschaffen und ich hab mich doch drauf beworben. Und nun bin ich seit 15 Jahren Gebärdensprachdolmetscherin in der Paulinenpflege und nicht nur das – ich bin auch zuständig für die Verbesserung der Gebärdensprachkompetenz in unserer Einrichtung. Dazu gehört die Organisation der Gebärdensprachkurse, die Schulung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Referate für Besuchergruppen, die Organisation des Gebärdenstammtisches sowie spezielle Projekte wie das „Sign-Weekend“.

Was hat sich sonst noch im Hinblick auf Gebärdensprache in der Paulinenpflege in den 25 Jahren verändert?

Sehr viel. Damals gab es so gut wie keine Kurse, meine ersten Lektionen in Gebärdensprache sahen so aus, dass ich ein Notizbüchlein mit mir führte, wo ich ständig Vokabeln aufschrieb, und die gehörlosen Jugendlichen nach Gebärden fragte. Das war nicht die schlechteste Methode, man lernte Jugend-Slang und Schimpfwörter, aber natürlich kein fundierter Sprachunterricht.

Heute haben wir im Referat Personalentwicklung  im Jahr ca. 30 Kurse in Deutscher Gebärdensprache (DGS) im Angebot, es gibt eine eigene Abteilung für Gebärdensprache mit zwei DGS-Dozentinnen und drei Gebärdensprachdolmetscherinnen. Diese organisieren und besetzen bis zu 500 Dolmetscheinsätze pro Jahr. Wir haben außerdem ca. 15 Kolleginnen und Kollegen mit Hörschädigung in der Paulinenpflege, die als Vorbilder v.a. für junge Hörbehinderte extrem wertvoll sind. Unsere Leitung möchte, dass die Mitarbeiter, die mit hörbehinderten Klienten arbeiten, möglichst kompetent in deren Sprache sind.

Durch den medizinisch-technischen Fortschritt haben wir weniger Klienten, die Gebärdensprache benutzen. Brauchen wir trotzdem noch so viele Kurse in Deutscher Gebärdensprache (DGS)?

Tatsächlich ist die Zahl der gebärdenorientierten Klienten rückläufig, v.a. im Berufsbildungswerk und in der Schule beim Jakobsweg. Die Notwendigkeit, dass alle Mitarbeitenden flächendeckend in Gebärdensprache geschult werden, ist nicht mehr gegeben. Optimal wäre, wenn sich in jedem Bereich ein Teil der Mitarbeiter auf dieses Klientel spezialisieren würde. Denn für den tauben Schüler/ Azubi/ Bewohner/ Beschäftigen ist es nicht von Belang, wie hoch der Anteil von Hörbehinderten in der Einrichtung ist. Er braucht Menschen, die ihm Inhalte so vermitteln, dass er sie verstehen kann – und die auch ihn verstehen.

Wäre es nicht sinnvoller, Lautsprachbegleitende Gebärden-Kurse anzubieten, aufgrund der gemischten Gruppen und Klassen?

Diese Frage wird mir oft gestellt. Ich halte das nicht für sinnvoll. Lautsprachbegleitende Gebärden (LBG) sind lediglich ein Hilfsmittel, aber keine Sprache. Die Grammatik in Deutscher Gebärdensprache (DGS), die vielen schwer fällt zu lernen, besteht nicht nur aus der anderen Reihenfolge der Wörter. Es gibt viele grammatische Feinheiten, z.B. die Richtung einer Gebärde, mimische Merkmale usw., die sich auch verwenden lassen, wenn man im Unterricht lediglich die Lautsprache mit Gebärden begleitet.

Und wir sollten auch in der Lage sein, unsere Klienten zu verstehen – ein Aspekt, der leider oft vergessen wird.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Mein Wunsch ist, dass es mehr Interesse an den höherstufigen Kursen gäbe. Bereits ab Stufe DGS 3 müssen Kurse immer wieder abgesagt werden mangels Anmeldungen. Schwach besucht sind leider auch Konversationskurse oder der einjährige Power-DGS-Kurs, der in den letzten Jahren auch kaum mehr zustande kam. Ich kann und will nicht glauben, dass sich die Kommunikation zwischen Hörenden und Gehörlosen in der Paulinenpflege nur auf oberflächliche Themen wie Vorstellung, Wie-Geht’s-Fragen und Wetter beschränkt.

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