SEHEN STATT HÖREN30. Mai 1999 954. Sendung
UNSER THEMA HEUTE:KREBS - Was können wir tun, um den Kranken zu helfen?
PRÄSENTATOR: Hallo...Chronisch Erkrankte leben oft isoliert von der Gesellschaft. Das geht leider auch vielen Krebskranken so. Wie fühlen sich Krebskranke von ihrem Freundeskreis, ihrer Familie und ihren Ärzten behandelt? Wir würden Sie gerne behandelt werden? "Sehen statt Hören" widmet sich heute diesem Thema.
Umgang mit Krebs
Jeder vierte Mensch in Deutschland bekommt im Laufe seines Lebens einen bösartigen Krebstumor. Für viele bricht dann eine Welt zusammen.
Es ist wie ein Sturz ohne Aufprall.
Kaum einer denkt, daß es ihn selbst einmal treffen könnte.
Wir besuchen Martin (hörend), der hier mit seiner Freundin lebt.
Frau Odorfer: Du hast jetzt seit 3 1/2 Jahren Krebs. Das ist eine lange Zeit.
Hast du dich daran gewöhnen können?
Martin, 37 Jahre, Illustrator:
Es ist eine verdammt lange Zeit. Eine Gewöhnung findet nicht statt.
Zumindestens bei mir nicht. Gewöhnung klingt nach endgültig.
Das kann ich für mich nicht annehmen. Mein Ziel ist die Heilung.
Das geht nicht von heute auf morgen. Deshalb findet eine Akzeptanz statt.
Denn in dieser langen Zeit muß man mit der Krankheit umgehen lernen.
Gewöhnung ist das aber nicht. Es ist Akzeptanz.
Frau Odorfer: Wie hast du auf den Befund reagiert? Wie deine Familie und deine Freunde?
Gab es da Schwierigkeiten?
Martin: Oh ja, sehr große. Ich selber war total schockiert und rausgerissen aus meinem normalen Leben. Ich hatte große Angst und Unsicherheit.
Von Seiten meiner Verwandtschaft und Freunde waren auch viele Probleme.
Einige davon sind einfach umgepurzelt wie Schachfiguren.
Z. B. der Kumpel, dem ich den Befund sagte, hat es nicht fertig gekriegt, den Blick von der Sportschau im TV abzuwenden - oder die Kiste auch nur leiser zu machen, um mir zuzuhören.
Mein kleiner Bruder hat mich am Telefon angebrüllt, als er davon erfahren hat, als ob er den Krebs und das Problem hätte, und nicht ich.
Mein eigener Vater hat zusammen mit seiner 2. Frau versucht, mich um Geld zu betrügen, das sie mir schuldeten, während ich im Krankenhaus lag.
Das war für mich sehr hart, diesen Aspekt der Krankheit zu akzeptieren:
diese Ungerechtigkeit, dieses "sich verlassen fühlen", "enttäuscht sein".
Heute weiß ich, daß diese Enttäuschung wichtig war.
Ich habe über diese Leute Wahrheiten gelernt, die ich vorher nicht wußte.
Ein Gesunder kann sich all diese "good-time-friends", die nur in guten Zeiten für ihn da sind, leisten.
Die können ihm die Zeit stehlen und small-talk machen.
Er braucht sie nie, weil es ihm nicht wirklich schlecht geht.
Aber jemand in meiner Situation, der plötzlich um sein Leben kämpft, kann dieses Leute nicht gebrauchen. Die stehlen ihm die Zeit, Nerven, Energie, die er nötiger für sich selber braucht.
Diese "Enttäuschung" war für mich wichtig, um beide zu unterscheiden.
Die anderen, das sind die bad-time-friends.
Die sind in schlechten Zeiten für mich da.
Sie erschrecken nicht vor der Krankheit und laufen weg. Die fragen:
Was kann ich für dich tun, was brauchst du, wie kann ich dir helfen?
Frau Odorfer: Das klingt wirklich unglaublich. Was ist denn das Problem dieser Leute?
Martin: Das ist im großen und ganzen Angst. Daß ich zu Ihnen komme und etwas will.
Die fragen sich natürlich: Sucht der die Schuld für seine Krankheit bei mir?
Will der mich um Geld anpumpen? Kotzt der mir gleich vor die Füße?
Sie wissen nicht, was ich von Ihnen will und was sie mit mir anfangen sollen.
Dann Ratlosigkeit. Reden wir von Leben und Tod. Das kann ich nicht gebrauchen.
Sie wissen nicht - brauche ich eine Schulter zum Ausweinen, einen Spruch, der mich ein bißchen aufbaut. Also völlige Rat- und Hilflosigkeit.
Aus diesen beiden folgt dann die Entrüstung: Ich habe selbst genügend Probleme. Kann ich was dafür, daß es Dir so schlecht geht usw.
Das sind die wesentlichen Probleme.
Frau Odorfer: Das hört sich sehr nach Distanz an. Wie hast du das erlebt?
Martin: Genauso wie ich es sage. Diese Distanz muß scheinbar sehr stark gewahrt werden, weil diese irrsinnige Angst gegenüber dem Kranken und der Krankheit besteht.
Jeder versucht, diese Distanz auf seine eigene Art und Weise zu wahren.
Die einen treten zurück und reagieren mit Schweigen.
Die anderen mit Ratschlägen, die dir nicht weiterhelfen.
Die wissen eine Diät für dich oder kommen dir mit Jesus Christus oder einem Onkel, der auch Krebs hatte.
Sie wissen angeblich genau, was dir hilft.
Oder Sprüche wie: Es ist nicht wichtig, wie lange man lebt, sondern wie man lebt.
Dabei vergessen sie, daß 20 tolle Jahre viel mehr wert sind als zwei tolle Jahre.
Aber ob sie schwätzen oder schweigen - sie brauchen alle die gleiche Distanz.
Frau Odorfer: Bedeutet das, daß du einsam bist?
Martin: Ich persönlich nicht. Ich habe Glück gehabt.
Im schlimmsten Fall kann es auf die totale Vereinsamung herauslaufen.
Ein Krebskranker, der nicht mitmacht bei dieser Isolierung von der gesunden Gesellschaft, wird schräg angeschaut.
Der ist plötzlich komisch geworden. Vom Krebskranken wird erwartet, daß er stromlinienförmig ohne Ecken und Kanten in die Klinik geht und sich möglichst antiseptisch aufs Sterben vorbereitet.
Oder eben gefälligst gesund wird und nach zwei Jahren wieder auftaucht.
Jemand der eine Extrawurst haben will und in seinem Job arbeiten will oder einen Umzug machen will, der ist für andere Leute ein großes Problem.
Es geht plötzlich nicht mehr so wie früher. Er braucht Hilfe dabei.
Ich habe das große Glück gehabt, daß ich nicht nur diese Leute um mich herum hatte, die dann plötzlich unter Belastung umfallen.
Frau Odorfer: Bist du der Meinung, daß deine schlechten Erfahrungen ein persönlicher Einzelfall sind oder ein gesellschaftliches Problem?
Martin: Ich kann es nur als gesellschaftliches Problem betrachten. Die lange Zeit, in der ich mich jetzt notgedrungen mit der Krankheit beschäftige, brachte auch viele Gespräche mit anderen Patienten mit sich und zeigte zwei Extreme:
Die einen werden von Verwandten totgehätschelt und dürfen nicht allein sein. Sie werden sogar beim Schlafen beobachtet und kriegen es nicht fertig zu sagen, daß sie Ruhe brauchen.
Dabei muß ein Krebskranker lernen, auf seine eigenen Bedürfnisse zu sehen, sich selber als wichtig zu begreifen.
Und das andere Extrem ist:
Der arme Patient, der nur sonntags nachmittags zwei Stunden Besuch zum Kaffee bekommt. Diese sind regelrecht weggesteckt in das Krankenhaus, damit man ihr Elend nicht ständig vor Augen hat. Das ist ein soziales Problem.
Da gibt es ein Tabu. Niemand beschäftigt sich gerne mit dieser Krankheit.
Frau Odorfer: Wie erging es dir mit den Ärzten?
Du hast bestimmt viele Erfahrungen machen müssen.
Martin: Ich habe anfangs sehr großes Pech mit meinen Ärzten gehabt.
Ich wurde 6 Monate lang von einem Arzt in Langen völlig falsch behandelt.
Er hat nach einem Bandscheibenvorfall gesucht, weil ich so große Kreuzschmerzen hatte. Er hat keine Blutprobe entnommen, um abzuklären, ob eine Entzündung im Körper ist. Auch die Radiologin, zu der er mich dann schickte, konnte ihre Bilder nicht richtig lesen.
Sie hat die sichtbaren Tumormassen auf ihren eigenen Bildern nicht erkannt.
Das war für mich eine sehr gefährliche Situation, weil der Krebs 6 Monate ungehindert wachsen konnte.
Als ich dann endlich den richtigen Ärzten begegnete, war die Gefahr sehr groß, weil die Tumormas-sen sehr groß geworden waren.
Aber dann hatte ich großes Glück.
Ich bin im Nord-West-Krhs. (Ffm.) sehr kompetent behandelt und beraten worden.
Ich habe mich mit allen Problemen und Ängsten angenommen gefühlt.
Frau Odorfer: Du hast ziemlich viel darüber erzählt, wie du nicht behandelt werden willst.
Welches Sozialverhalten erwartest du von deiner Familie und deinen Freunden?
Martin: Da gibt es eigentlich zwei ganz einfache Regeln:
Man muß sich nur fragen, wie man in dieser Situation gerne behandelt werden würde, wenn man all diese Angst, Stress, Ungewissheit hätte.
Dann würde auch ein Feigling wie mein kleiner Bruder daraufkommen, daß eine Brüllerei sicher nicht der richtige Weg ist.
Und die Regel Nr. 2 ist:
Wenn ich nicht weiß, was dem Kranken gut tut, muß ich ihn einfach fragen. Eine Freundin von mir hat das deutlich gemacht.
Als ich ihr von dem Befund erzählte, hat sie mir gesagt:
Das habe ich noch nie gehört.
Was soll ich denn jetzt machen. Kann ich dich mal in den Arm nehmen.
Nun - sie konnte. Das war kein Problem. Das gab uns beiden Zeit für Trauer, die Akzeptanz der Situation und ist ein Statement gegenüber der Krankheit.
Das sind die 2 ganz einfachen Regeln für ein Verhalten, das dem Kranken gut tut.
Der Gesunde muß verstehen, daß der Kranke das Problem hat.
Der Kranke hat Angst um sein Leben, dessen Leben steht auf dem Spiel - niemals das des Gesunden.
Deshalb muß der Gesunde etwas dabeibleiben. Es kann sein, daß er den Kranken fragt: Was kann ich für dich tun und der Kranke sagt:
Alles in Ordnung, laß mich in Ruhe! Das ist Angst, sich mit der eigenen Krankheit zu beschäftigen.
Der Gesunde, der dann sagt:
Okay, der will ja nicht geholfen kriegen - ist ein Schwächling.
Der Gesunde sollte lieber mehr Geduld beweisen und sich vorstellen, wie er sich selber in der Situation fühlen würde und dann am nächsten Tag nochmal fragen.
Das tut dem Kranken gut und gibt ihm Kraft.
Frau Odorfer: Danke für das Gespräch. Ich wünsche dir alles Gute und gute Besserung!
In der Rehaklinik hier in Bad Berleburg möchte ich eine gl Frau interviewen.
Sie möchte nicht erkannt werden, deshalb wiederhole ich ihre Gebärden.
Frau Odorfer: Wann hast du erfahren, daß du Krebs hast?
H.V.: Ich war wie jedes Jahr im Okt. zur Vorsorgeuntersuchung zum Frauenarzt.
Der hat mich untersucht und es war alles okay.
Ich sollte dann aber noch eine Mammographie machen lassen.
Das habe ich auch gemacht. Da hat man einen Knoten festgestellt.
Man sagte mir dann schon: Es sieht schlecht aus. Ich dachte dann:
Das wird schon nicht so schlimm sein. Ich sollte dann ins Krankenhaus gehen.
Frau Odorfer: Wie hast du darauf reagiert als der Arzt es Dir gesagt hat?
H.V.: Ich bin nach Hause gefahren und habe geweint. Der Arzt hatte mir gesagt, daß ich einen Knoten hätte und Krebsverdacht.
Mein Mann hat mir gesagt: Egal wie es aussieht - wir bleiben zusammen!
Meinem Sohn habe ich es auch erzählt und er meinte: Wir bleiben fest zusammen!
Wir müssen einfach erst mal abwarten.
Frau Odorfer: Wie reagierten deine Freunde darauf?
H.V.: Ich habe meinen Freunden, meiner Mutter, meiner Schwester nichts erzählt.
Das konnte ich nicht. Ich hatte das Gefühl, ich müsse es alleine tragen.
Wenn ich jemandem davon erzähle, wird es nur noch schlimmer.
Ich wollte erst mal abwarten.
Frau Odorfer: Als die Operation vorbei war, hast du dann jemandem Bescheid gesagt?
H.V.: Die Operation war vorbei. Ich bin wach geworden und meine Brust war noch da.
Ich dachte: So schlimm ist es nicht. 2 - 3 Tage später habe ich meiner Mutter, Schwester, Bruder und Freunden Bescheid gesagt. Alle waren sehr erschrocken.
Ich habe viel Besuch bekommen. Das war für mich zu viel.
Ich habe mich dann eine Nacht schlecht gefühlt, weil ich soviel erzählen mußte.
Das war zuviel.
Frau Odorfer: Hast du dir hier psychologische Unterstützung als Krebspatientin geholt?
H. V.: Ja. Aber ich möchte noch tiefere Gespräche über meinen Krebs haben.
Über Depressionen, meine Ängste. Ich möchte noch mehr Fragen stellen.
Wie sieht das aus, z. B. am Arbeitsplatz? Mein Wunsch ist es, einmal gl Frauen mit Krebskrankheit zusammen in einer Gruppe zu treffen.
Sich zu unterhalten. Meinungsaustausch, Diskussionen usw.
Ich denke, es wäre schön, wenn auch eine Fachfrau dazukommen könnte und uns beraten könnte. Das ist meine Meinung.
Frau Odorfer: Jetzt möchte ich eine Psychotherapeutin besuchen und fragen, wie die Psychotherapie Krebskranke unterstützen kann.
Frau Odorfer: Frau Furch. Sie arbeiten seit 25 Jahren als Ärztin und Psychotherapeutin.
Wie können Sie Krebspatienten helfen?
Magdalene Furch, Ärztin & Psychotherapeutin:
Man muß die Frage noch ein bißchen anders stellen, denn ich kann ja nur Patienten helfen, die auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht wurden, daß sie bei einer solchen Diagnose auch seelischen Beistand bekommen.
Leider ist es so, daß Ärzte, denen diese Patienten meist vorgestellt werden, z. B. Chirurgen, oft keinen guten Bezug zur Psychotherapie haben.
Sie behandeln einen Körper, stellen ein Organ wieder her, machen ihn gesund.
Aber daß in dem Körper ein Mensch ist, der durch die Krankheit viele Ängste hat, liegt den Ärzten oft fern. Da muß sich in Deutschland noch viel ändern.
Wenn die Menschen dann in Psychotherapie kommen, haben wir entsprechend den Problemen, die eine solche Diagnose mit sich bringt, ein sehr großes Hilfsangebot.
Menschen fallen mit dieser Diagnose oft erst einmal in ein Gefühlschaos.
Wir können Ihnen helfen Ihre Gefühle wahrzunehmen, zu leben, zu verarbeiten.
Sie trauen sich oft nicht, ihre negativen Gefühle in den Beziehungen zu zeigen.
Dann lösen diese Operationen (Brustverlust, künstlicher Darmausgang) oft eine starke Selbstwertkrise aus, weil der Körper nicht mehr so ist, wie er mal war.
Auch da können wir helfen.
3. Es werden oft bestehende Probleme verschärft.
Es können Partnerschaftsprobleme sehr eskalieren. Oder Probleme mit der Arbeit.
Auch da kann das Gespräch mit einem Psychotherapeuten viel Hilfe bedeuten.
Dann gibt es noch einen großen Problemkreis, der in unserer modernen Zeit mit einem Tabu belegt ist.
Menschen die mit dieser Diagnose und damit auch mit einer Lebensbedrohung konfrontiert werden, haben oft große Glaubensprobleme.
Egal in welchem Glauben sie beheimatet waren, oder keinen Glauben hatten.
Die Glaubenden trauen sich oft gar nicht, ihre Gefühle herauszulassen, weil sie fürchten, daß Ihnen gesagt wird, sie glauben nicht richtig.
Bis dahin nicht Glaubende sind auf einmal mit Fragen konfrontiert:
Wie ist das? Gibt es doch einen Gott?
Gibt es doch ein Weiterleben nach dem Tode?
Wird eine irgendwie geartete Lebensbilanz gemacht?
Sie schämen sich sehr, mit diesen Fragen an andere Menschen heranzutreten.
Zu den Kirchen besteht im Allgemeinen kein großer Bezug mehr, so daß die Psychotherapie der Platz ist, wo diese Fragen gestellt und bearbeitet werden müssen.
Frau Odorfer: Wenn ein Patient eine Operation oder Chemo-Therapie ablehnt, halten Sie ihn dann für lebensmüde?
Frau Furch: Ich möchte diese Frage teilweise mit ja beantworten, weil ich es sehr verständlich finde, wenn jemand mit solch einer angstmachenden Diagnose konfrontiert ist und vielleicht eine sehr mühselige Therapie vor sich hat.
Daß er dann vielleicht seine Lebensfreude verliert und lebensmüder wird.
Manche Patienten wollen gerade in dieser Situation die Handlungsgewalt behalten.
Das heißt, Sie möchten sich nicht von Methoden behandeln lassen, die Ihnen Angst und Schmerzen machen.
Das muß ich als Arzt respektieren. Ich muß trotzdem meine Begleitung anbieten.
Auch die Einstellung zur Therapie, die vorher z. B. positiv war, kann wechseln und auch umgekehrt.
Frau Odorfer: Es gibt auch Spontanheilungen, die sich nicht wissenschaftlich erklären lassen.
Gibt es Gewinnertypen?
Frau Furch: Es gibt einmal Spontanremissionen.
So nennt man das, wenn über eine ganze Zeit hinweg der Krebs zum Stillstand kam, ohne daß man besondere Maßnahmen ergreift.
Es gibt auch Spontanheilungen, wenn die Remission 10 Jahre gedauert hat.
Dann spricht man von Heilung.
Das gab es auch früher schon bei den großen Infektionskrankheiten und eigentlich kann die Medizin auch nur den Körper unterstützen, selber mit der Krankheit fertig zu werden.
Dazu ist die Lebenseinstellung des Menschen - auch die Einstellung zu seiner Krankheit - sehr wichtig.
Es gibt negative Lebenseinstellungen, die soviel Kraft aufbrauchen, daß sie der Selbstheilungskraft des Körpers dann entzogen werden und es gibt Einstellungen, die den Körper unterstützen.
Ich habe z. B. vor einigen Wochen ein Vorgespräch mit einer Frau gehabt bei der Krebs diagnostiziert war und eine große Operation durchgeführt wurde.
Der Krebs war schon nicht mehr in einem frühen Stadium entdeckt worden.
Für sie war diese Diagnose eine Bestätigung einer neg. Lebenseinstellung, die sie schon als Kind hatte, nämlich im Leben zu kurz zu kommen.
Nun erschien es ihr so, als ob ihr Leben kürzer sein sollte, als das anderer Menschen.
Sie war nicht von einem Arzt, sondern einer Freundin auf die Psychotherapie aufmerksam gemacht worden.
Ich habe dann mit einem Bild gearbeitet.
Mit dem Bild, daß ihr von ihrer Kindheit an offensichtlich nur ein sehr enger Lebensraum gestattet wurde.
Daß sie nicht gewagt hatte, die anderen Türen in Ihrem Lebenshaus aufzumachen.
Während wir mit diesem Bild arbeiteten, kam noch einmal ein Lebenswille durch, Türen aufzumachen, die bisher verschlossen waren.
Egal wie lange sie noch leben würde.
Sie hat auch ganz konkrete Wünsche geäußert, was sie jetzt noch lernen möchte, wo sie nicht mehr mit Einschränkungen leben möchte. Ich glaube, daß diese Einstellung (unterstützt durch die Psychotherapie) eine ganz große Unterstützung für die Selbstheilungskräfte des Körpers sein wird.
Frau Odorfer: Was können Angehörige für den Patienten tun? Was machen Sie oft falsch?
Frau Furch: Ein sehr häufiger Fehler ist, daß man glaubt, mit Fröhlichkeit zu trösten.
Z. B. Kopf hoch, das wird schon wieder, bei einem frischoperierten Patienten.
Das ist überhaupt keine Hilfe. Damit wird dem Patienten eher verboten, auch negative Gefühle wie Traurigkeit und Ärger ausdrücken zu dürfen.
Sehr häufig reagiert der Kranke dann so feinfühlig auf die Bedürfnisse seiner Umgebung, daß er verstummt.
Er macht dann diese negativen Gefühle mit sich selber ab.
Das verbraucht dann viel Kraft, die er eigentlich für die Heilung bräuchte.
Ich erinnere mich an eine Frau, die mit schweren Depressionen in die Klinik kam.
Ihr war eine Brust abgenommen worden.
Sie traute sich nicht mehr, sich zu Hause auszuziehen und glaubte, daß ihr Mann sie nun abstoßend finden müsse.
Ihr Mann wollte sehr feinfühlig sein und wollte seine Frau nicht drängeln.
So war es dann geschehen, daß sie zwei Jahre sprachlos nebeneinander litten, bis sie an Angstzuständen erkrankte. Das war dann der Anlaß der Therapie.
Wir haben dann in einem gemeinsamen Gespräch dieses Thema angesprochen.
Sie können sich gar nicht vorstellen, wie froh ich nach Hause fuhr, als ich nach einigen Tagen die beiden Arm in Arm im Wald spazierengehen sah.
Frau Odorfer: Vielen Dank für das Gespräch.
Etwa jeden 4. Bundesbürger kann es treffen.
Wie wollen Sie sich dann als Angehöriger oder Bekannter dem Krebskranken gegenüber verhalten?
Bericht: Angela Michel
Moderatorin: Martina Odorfer
Dolmetscherinnen: Irmgard Noack, Angela Brunner
PRÄSENTATOR: Eine Selbsthilfegruppe für hörgeschädigte Krebspatienten gibt es in Deutschland noch nicht. Wenn Sie, liebe Zuschauer, selbst krebskrank sind und Kontakt zu anderen hörgeschädigten Krebskranken suchen, so können Sie uns ein Fax in die Redaktion von "Sehen statt hören" senden. Wir stellen dann einen Kontakt mit den anderen Interessenten her.
Unsere Faxnummer: 0 89 / 38 06 - 76 91.
Über die Deutsche Krebshilfe kann man sich kostenlos dieses Informationsmaterial zum "Umgang mit Krebskranken" zusenden lassen.
"Umgang mit Krebskranken", Tel. Nr.: 02 28 / 7 29 90-0, Fax Nr.: 02 28 / 7 29 90-11
PRÄSENTATOR: Hier auch noch 2 Buchtips:
"Nach der Diagnose Krebs - Leben ist eine Alternative", Hrg. Deutsche Krebshilfe, Herbert Kappauf, Walter M. Gallmeier, Verlag Herder, DM 38,--, ISBN 3-451-23397-5
"Leben mit Krebs", Rainer Wälde, Verlag Schulte & Gerth, 1998, ISBN 3-89437-389-X
Redaktion: Francine Gaudray, Bayer. Rundfunk, ( BR 1999 in Co-Produktion mit WDR
Herausgeber: Deutsche Gesellschaft zur Förderung der Gehörlosen und Schwerhörigen e. V.
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