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Der Status quo der Gemeinschaft der Hörbehinderten ist, pauschal gesagt, deprimierend. Im Vergleich zur normalhörenden Mehrheit ist der Bildungsstand erschreckend niedrig, Hörbehinderte fühlen sich Hörenden unterlegen, sie können sich auf politischer Ebene nicht artikulieren und haben keine Lobby.
Die Ursachen fur den desolaten Zustand dieser Minorität sind u.a. in der Schulbildung Hörbehinderter zu suchen. Hörbehinderte werden zu 99,9% von hörenden Lehrern unterrichtet. Und für die ist die Hörbehinderung nur ein Defizit. Sie haben in bezug auf erreichbare Bildungsziele niedrige Erwartungshaltungen, sind in der Kommunikation (besonders bei Gehörlosen) selbst kommunikativ schwerstbehindert, da sie die Gebärdensprache ihrer Schüler nicht beherrschen, und stellen zu allem Überfluß eine negative Auslese der Lehrerschaft dar, da sie oftmals aus der Regelschule in den Schonraum Hörbehindertenschule geflüchtet sind. Kurz: Hörbehinderte Kinder werden von unterdurchschnittlich befähigten Lehrern lieb gemacht und dumm gehalten. Die traurigen Produkte dieser "Erziehungsbemühungen" sind in allen Hörbehindertenvereinen anzutreffen.
Eine Verbesserung dieser Situation ist nur über eine verbesserte Schulausbildung möglich. Die besten Lehrer sollten für hörbehinderte Kinder gerade gut genug sein. Und zu den besten zählen diejenigen Lehrer, die selbst hörbehindert sind. Sie verfügen über Qualitäten, die Hörende nicht haben können: Sie stellen für die Schüler ein Rollenvorbild dar, haben eine höhere Erwartungshaltung, können mühelos mit den Schülern kommunizieren und sehen - und das ist in erzieherischer Hinsicht der ausschlaggebende Punkt - die Hörbehinderung nicht ausschließlich als Defizit, sondern auch als positive Andersartigkeit.
An allen Schulen fur Behinderte gibt es auch behinderte Lehrer, an manchen Blindenschulen bis zu 50%. Hörbehinderte Lehrer kann man in Deutschland dagegen mit der Lupe suchen. Es gibt maximal ein Dutzend. Die Ursache ist weniger die Schwere der Behinderung als vielmehr die Ablehnung durch die Hörenden, die sogenannten "Fachleute". Methodische Gründe (die Lautsprachmethode erfordert Lehrer, die das Sprechen ihrer Schüler hören und verbessern können) werden vorgeschoben - bis auf den heutigen Tag! Obwohl eine Aufgabenteilung zwischen hörenden und hörbehinderten Lehrern, speziell im Fachunterricht, problemlos möglich wäre. Es gab in der Vergangenheit hochgebildete und allseits anerkannte taubstumme Lehrer in Deutschland. Es gibt sie heute in großer Zahl in den USA und Skandinavien. Es gab auch in den letzten Jahrzehnten bei uns genug Hörbehinderte, die befähigt waren und den Wunsch hatten, Lehrer zu werden.
Man hat sie nicht gelassen! Und diese Situation hat sich bis heute nicht verändert. Allenfalls Schwerhörige, die sich lautsprachlich durchschlagen können, haben eine kleine Chance. Für Gehörlose ist es hoffnungslos. Auch heute noch halten "Fachleute" Gehörlose für ungeeignet für den Lehrerberuf. Es gibt an den Bildungsstätten für Hörbehindertenpädagogik (Hamburg, Köln, Heidelberg, München) keine Veranstaltungen, denen Gehörlose kommunikativ folgen könnten. Weder Dozenten und Professoren noch Studenten beherrschen die Gebärdensprache der Gehörlosen, und Dolmetscher stehen nicht zur Verfügung. Über halbherzige Lippenbekenntnisse kommt man dort nicht hinaus.
Zwischen der vorzüglichen Eignung hörbehinderter Lehrer und der völligen Ablehnung durch die sog. "Fachleute" besteht ein krasser Gegensatz. Es ist nicht mit einem Sinneswandel zu rechnen. Daher sollten die Hörbehinderten selbst die Initiative ergreifen. Sie haben zwar nicht die Machtpositionen (Lehrstühle, Beamtenpositionen, Zugang zur "Fachpresse"), aber sie können die diskriminierenden „Wohltäter“ entlarven und mit aller Kraft versuchen, einen "Fuß in den Türspalt“ der Hörbehindertenpädagogik zu schieben.
Die BHSA sollte sich im Verein mit anderen Organisationen der Hörbehinderten mit Nachdruck für die Ausbildung hörbehinderter Lehrer einsetzen. Sie sollte hörbehinderte Abiturienten zur Aufnahme des Lehrerstudiums ermuntern, hörbehinderte Erwachsene, die per Zweitstudium Lehrer werden möchten, unterstützen, sich für verbesserte Studienbedingungen an Hochschulen (Dolmetscher, Tutoren etc.) einsetzen und als Lobby versuchen, angesichts der Lehrerarbeitslosigkeit bessere Einstellungsmöglichkeiten zu schaffen.
Es geht nicht nur um einzelne begabte Hörbehinderte, denen der Weg zum Lehrerberuf geebnet werden soll. Es geht um die folgenden Generationen von Hörbehinderten, um die Einflußnahme auf deren Erziehung und Bildung, um die Zukunft der Hörbehindertengemeinschaft schlechthin. Mehr Wissen, aber vor allem ein stärkeres Selbstbewußtsein, Zufriedenheit mit dem eigenen Anders-Sein oder sogar Stolz auf das So-Sein - das kann nur von hörbehinderten Lehrern vermittelt werden.