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Ein Rauschen oder Pfeifen im Ohr stellt für immer mehr Menschen eine tägliche Belastung dar, die zu deutlichen Einschränkungen im Beruf und Alltag führen kann. Sie haben einen Tinnitus. Deutschlandweit sind mehr als drei Millionen Menschen betroffen. Um die Hilfe und Versorgung für die Betroffenen stetig zu verbessern, richtet die Bundesinnung der Hörakustiker (biha) jährlich die bundesweite interdisziplinäre Tinnitus-Fachtagung in Frankfurt am Main aus, bei der Expert*innen aus dem praktischen, wissenschaftlichen und klinischen Sektor neue Ergebnisse und Erkenntnisse vortragen und sie diskutieren. In diesem Jahr fand die Fachtagung bereits zum sechsten Mal statt. Über 100 Teilnehmer*innen aus ganz Deutschland besuchten die Veranstaltung am 11. September 2019.

Begrüßt und durch den Tinnitus-Tag geführt wurden die Teilnehmer*innen und Expert*innen aus den verschiedenen Fachbereichen von biha-Vizepräsident Hans-Jürgen Bührer. Er stellte die Referenten und ihre wissenschaftlichen und praxisrelevanten Vortragsthemen vor. Im Fokus standen dieses Jahr die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Entstehung von Tinnitus und die Frage, ob und wie dieser gemessen werden kann.

Prof. Dr. Gerhard Goebel, ehemaliger Chefarzt Schön Klinik Roseneck, Prien, erklärte, dass nach seiner Erfahrung Betroffene einen tonalen Tinnitus zumeist als belastender empfänden als einen als Rauschen beschriebenen Tinnitus. Objektiv gesehen, existieren diese Töne allerdings nicht und sind daher in herkömmlicher Art nicht messbar. Goebel zeigte jedoch verschiedene Methoden auf, mit denen ein von Tinnitus-Betroffenen wahrgenommener Ton dennoch eingeordnet werden kann, sowohl dessen Frequenz als auch Lautstärke. Mit diesen Daten kann dann ein Hörakustiker ein Hörsystem anpassen, das einen oft parallel vorliegenden Hörverlust ausgleicht und außerdem den Tinnitus „maskiert“, also in den Hintergrund drängt. Die betroffene Person nimmt damit nicht den Tinnitus, sondern ein anderes, angenehmeres Geräusch wahr, beispielsweise Meeresrauschen. Bei solchen Messungen ist die Mitarbeit der betroffenen Person unbedingt erforderlich. Zudem arbeiten bei seiner Versorgung Expert*innen verschiedener Fachrichtungen zusammen, denn ein Tinnitus, so Goebel, müsse interdisziplinär versorgt werden.

Siegrid Meier, Dozentin der Akademie für Hörakustik (afh), berichtete von den Möglichkeiten der Evaluation einer Tinnitus-Versorgung. Um eine erfolgreiche Versorgung zu erzielen, müsse zuerst das Erfolgsziel definiert werden. Dazu sei es notwendig, die verschiedenen Perspektiven zu berücksichtigen: einerseits die Sicht der Therapeut*innen und andererseits die der Tinnitus-betroffenen Person. Erst danach können die individuellen Ziele ermittelt werden. Neben verschiedenen Frageinventaren spielt dabei auch die informelle Befragung eine große Rolle. Für eine gelungene Evaluation einer Tinnitus-Versorgung ist es wichtig, mögliche Fehler zu kennen und erkennen, um deren Auswirkungen richtig zu bewerten.

Neue Theorie: Verlust bestimmter Hörfasern ursächlich für Tinnitus

Über molekulare Aspekte des Tinnitus sprach Prof. Dr. Marlies Knipper, Universitätsprofessorin für Molekulare Hörphysiologie am Hörforschungszentrum der Hals-Nasen-Ohren (HNO)-Klinik, Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Die von ihr vorgestellten Forschungen beschäftigten sich mit dem Verlust von Hörfasern. Bekannt ist, dass Hörfasern durch Alter und Lärm unwiederbringlich geschädigt würden. Daraus entstehe der Hörverlust. Durch Frau Dr. Knipper wurde eine neue Theorie vorgestellt, nach der ein Verlust bestimmter Hörfasern ursächlich für den Tinnitus ist. Während die Schädigung der übrigen Hörfasern im Normalfall durch eine erhöhte neuronale Aktivität ausgeglichen werden kann, führt das Absterben der empfindlichen Hörfasern zu einem Wegfall der Rauschunterdrückung in bestimmten Frequenzbereichen. In diesem Hörbereich führt dann eine erhöhte neuronale Aktivität zur Entstehung eines Phantomgeräusches, dem Tinnitus.

Dr. Elisabeth Wallhäußer-Franke, Leiterin der Forschungsgruppe Otoneurologie der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie der Universitätsmedizin Mannheim, veranschaulichte, dass ein Tinnitus im Gehirn des Menschen Veränderungen verursacht. Es gäbe vielfältige mit dem Tinnitus einhergehende Veränderungen im Gehirn. Es sei jedoch nicht klar, ob der Tinnitus zu diesen Veränderungen führt oder vorher bestehende Veränderungen eine Tinnitus-Entstehung begünstigen. Auch Wallhäußer-Franke beschäftigte sich mit den 80 Prozent der Tinnitus-betroffenen Personen, die gleichzeitig an einem Hörverlust leiden. Die Forschungsergebnisse nach heutigem Stand legten nahe, „dass die Wiederherstellung des Hörvermögens eine erste sinnvolle Maßnahme sein kann.“ Außerdem könne eine Hörgeräte-Versorgung häufig auch bei fehlender Indikation sinnvoll sein, um den Tinnitus zu behandeln.

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