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Pressemappe: Du sollst hören – ZDF Presseportal

Die zweijährige Mila Ebert ist gehörlos. Bei einer Untersuchung im Krankenhaus wird festgestellt, dass ihr Hörnerv aber ausgebildet ist – mit dem Einsetzen eines Cochlea-Implantats und entsprechender Förderung hätte sie die Chance auf ein „normales“ Leben. Doch Milas ebenfalls gehörlose Eltern lehnen eine Operation ab. Sie empfinden Milas fehlendes Hörvermögen nicht als Krankheit oder Behinderung. Das Krankenhaus schaltet daraufhin das Jugendamt ein, der Fall kommt vor Gericht. Richterin Jolanda Helbig muss nun entscheiden, ob Mila ein Recht zu hören hat.

Ein taubes Mädchen bekommt die Chance, hören zu können. Natürlich sollte man ihm diese nicht verwehren – so denken wohl die meisten Menschen im ersten Moment. Doch die Fragen, um die es hier geht, sind weitaus komplexer.
Ist ein Leben mit Gehör lebenswerter als ein gehörloses Leben? Wer darf beurteilen, welche Art zu leben glücklicher macht? Und was ist eigentlich „normal“? In dem Drama „Du sollst hören“ muss eine Richterin über das Kindeswohl entscheiden. Denn in den Augen der gehörlosen Eltern gibt es überhaupt keinen Grund, etwas an der Gehörlosigkeit ihrer Tochter zu ändern.
Der Film lädt zu einem Perspektivwechsel ein. Er ermöglicht Hörenden, in die Welt einer tauben Familie einzutauchen. Und er ermöglicht Gehörlosen, ein Stück ihrer Geschichte zu erzählen.
Vor 20 Jahren wurde die Deutsche Gebärdensprache als offizielle Sprache anerkannt. Bis heute taucht sie jedoch in unserer Gesellschaft kaum auf. Das ist nur ein Beispiel für die Marginalisierung und Diskriminierung von Menschen mit Behinderung. Auf diesen Missstand hinzuweisen, war einer von vielen Gründen für dieses Projekt. Gleichzeitig ging es uns darum, unterschiedliche Facetten eines gehörlosen Lebens darzustellen und auch der einzigartigen Poesie der Gebärdensprache Raum zu geben.
Wenn sich nur ein kleiner Teil der Inklusion, wie sie zwischen allen Beteiligten auf der Reise dieser Produktion gelernt und gelebt wurde, über den Film zu den Zuschauenden transportiert, wäre das ein besonderer Funke, der überspringt.
Denn die Arbeit an „Du sollst hören“ hat bewiesen, was möglich ist, wenn Menschen aufeinander zugehen, die sonst in parallelen Teilen unserer Gesellschaft leben. Es lohnt sich, einander zuzuhören und miteinander zu sprechen – egal in welcher Sprache.
Petra Tilger, Redaktion Fernsehspiel II
Regie                                 Petra K. Wagner
Buch                                  Katrin Bühlig
Bildgestaltung                    Peter Polsak
Musik                                 Helmut Zerlett
Schnitt                               Simone Klier
Szenenbild                        Thomas Pfau 
Ton                                    Volker Henkels
Kostümbild                         Angi Neis
Produktion                         FFP News Media GmbH, Köln
Produzentin/Produzent      Simone Höller, Michael Smeaton
Producerinnen                    Anemone Krüzner, Greta Gilles
Herstellungsleitung            Juliane Thevissen, Beate Balser
Produktionsleitung             André Koebner
Redaktion                          Petra Tilger
Länge                                90 Minuten
 
Die Rollen und ihre Darsteller*innen
Jolanda Helbig                   Claudia Michelsen
Conny Ebert                       Anne Zander
Simon Ebert                       Benjamin Piwko
Jonas Helbig                      Jan Krauter
Prof. Dr. Theo Rotschild     Kai Wiesinger
Jette Blankenburg              Laura Lippmann
Sophie Cornelsen              Sina Martens
Mats Ebert                         Leif-Eric Werk
Mila Ebert                          Delia Pfeffer
Martin Deichstätter             Luca Zamperoni
Dr. Sabine Slowinski          Patricia Meeden
Alexandra Lubowna           Eva Verena Müller
Hella Fremer                      Kathrin-Maren Enders
Dr. Claudia Adamé             Alexandra von Schwerin
Clara Vollmer                     Susanne Kermer
Heidi Freick                        Nina Vorbrodt
Gesine Jaspers                  Eleni Haritos
Lennart Greven                  Constantin Keller
und andere
Die zweijährige Mila Ebert ist gehörlos. Bei einer Untersuchung im Krankenhaus wird festgestellt, dass ihr Hörnerv aber ausgebildet ist – mit dem Einsetzen eines Cochlea-Implantats und entsprechender Förderung hätte sie die Chance auf ein „normales“ Leben. Die Ärztin Dr. Sabine Slowinski lädt Milas Eltern Conny und Simon, die ebenfalls gehörlos sind, zu einem Aufklärungsgespräch ein. Während Milas hörende Tante Jette von der Nachricht begeistert ist, lehnen die Eltern eine Operation ab. Sie empfinden Milas fehlendes Hörvermögen nicht als Krankheit oder Behinderung. Das Krankenhaus schaltet daraufhin das Jugendamt ein, der Fall kommt vor Gericht. Richterin Jolanda Helbig muss nun entscheiden, ob Mila ein Recht zu hören hat. Für Prof. Dr. Theo Rotschild, Chefarzt der HNO-Klinik und Ex-Mann von Jolanda, ist die Sache klar: Natürlich ist es besser zu hören, als taub zu bleiben. Milas Eltern hingegen empfinden die Einmischung als einen respektlosen Übergriff in ihr Elternrecht und einen Angriff auf ihre Art zu leben. Für Jolanda ist die Fragestellung komplex und alles andere als eindeutig. Durch die intensive Beschäftigung mit dem Fall holt ihre eigene Vergangenheit sie wieder ein.
Drehbuchschreiben ist für mich immer mehr, als ein Drehbuch zu schreiben. Ich verbinde mit diesem tollen Beruf auch eine Aufgabe – entweder gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen oder die Zuschauer in eine Welt zu entführen, die sie so noch nicht kennen. Und das möglichst authentisch und emotional.
Diesmal war die Aufgabe schwerer, als ich anfangs dachte. Weil ich unbewusst voller Vorurteile war und mir das erst im Laufe der Recherche richtig bewusst wurde. Eine Hörende schreibt einen Film über die Welt der Gehörlosen. Ist das nicht anmaßend? Glauben Sie mir, ich bin mit den besten Absichten gestartet. Ich habe recherchiert, mir sämtliche Dokus zum Thema angesehen, ich habe eine Gehörlosenschule besucht, ein Gehörlosenzentrum, habe Fachartikel gelesen und meine Geschichte anfangs trotzdem nur aus meiner Sicht einer Hörenden erzählt.
Natürlich wusste ich von der Gehörlosenkultur, aber was sie genau bedeutet, ist mir erst beim Schreiben richtig klar geworden. Es geht nicht um den „Verlust“, nicht hören oder sprechen zu können, denn taube Menschen haben eine Sprache, mit der sie ganz wunderbar kommunizieren können, die Gebärdensprache. Es geht vielmehr darum, eine Welt aufzuzeigen, die mehr ist als eine Identität. Sie ist eine eigene Kultur. Um es ganz klar zu sagen: Unsere gehörlosen Nachbarn lechzen nicht danach, zu unserer hörenden Welt zu gehören, denn sie haben ihre eigene Welt. Das zu begreifen, war der große Lernprozess und der große Gewinn für mich bei der Arbeit am Drehbuch. Dafür bin ich unglaublich dankbar.
Natürlich geht es beim Schreiben immer um Sprache. Und da ich die Gebärdensprache nicht kann, habe ich das Buch und die Dialoge in Lautsprache geschrieben. Übersetzt man aber die Lautsprache in die Gebärdensprache, kommen meistens ganz andere Sätze heraus. Auch das war eine große Herausforderung. Und manchmal muss man eben bei den Wörtern ganz umdenken: Ein kleines Beispiel: „Da bekommt man Augenschmerzen!“ Würde es nicht wesentlich vertrauter klingen, wenn ich im Dialog schreiben würde: „Ich kann es nicht mehr hören!“ Gemeint ist das Gleiche, aber es sind nun mal unterschiedliche Wörter.
Deshalb bin ich unseren gehörlosen Schauspielern, Dolmetschern und Coaches sehr dankbar, dass sie mir und uns geholfen haben, einen hoffentlich authentischen Film zu drehen, mit einer Sprache, die für beide Welten gut funktioniert.
Wir alle haben uns mit diesem Film auf etwas Neues eingelassen, da es nur sehr wenige filmische Vorbilder gibt, bei denen gehörlose Schauspieler nicht nur eine kleine Nebenrolle haben. Und wir alle haben gewonnen. Wir haben dazu gelernt, aber was noch viel wichtiger ist: Wir sind aufeinander zugegangen.
Ich frage mich mittlerweile, warum gibt es nicht mehr Filme, die die Geschichten von tauben Menschen erzählen? Wann kommt der „Tatort“, in dem ein gehörloser Mensch ganz selbstverständlich ein möglicher Täter oder Täterin sein kann und nicht nur auf seine/ihre Gehörlosigkeit reduziert wird? Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wäre es genau das. Vielfalt gehört nämlich auch ins Fernsehen.
Dieser Stoff und diese Produktion waren in allen Steps etwas ganz Besonderes. Es ist die Geschichte von zwei sehr unterschiedlichen Frauen, deren Leben sich überschneidet und miteinander verkettet ist, aber darüber, darunter und drumherum liegt das starke Thema einer gehörlosen Familie, die für die Anerkennung ihrer eigenen Sprache und ein selbstbestimmtes Leben kämpft.
Zu Anfang gab es viele Fragen und Unsicherheiten: Finden wir gehörlose Schauspieler*innen, so dass wir wirklich alle Rollen, auch die Kinder, besetzen können? Wie läuft das Casting ab, wie können wir während der Dreharbeiten miteinander kommunizieren? Aber mit jedem Schritt lernte ich dazu und bekam einen Einblick und ein Gefühl für die Sprache und die Kommunikation mit meinen gehörlosen Hauptdarstellern Anne und Benjamin. Dass es dazu Dolmetscher*innen bedurfte, wurde schnell zu einer Normalität, und die Dichte und Intensität unserer Zusammenarbeit war die Gleiche wie mit Claudia und den anderen Schauspieler*innen in diesem wunderbaren Ensemble.
Unser Filmteam war durch die Dolmetscher*innen und Tobias, den Deaf Supervisor, noch größer, aber wir wuchsen schnell zu einem funktionierenden Team zusammen, das nach kurzer Zeit gut miteinander kommunizierte und viel Spaß bei der Umsetzung der Szenen hatte. Wir waren beflügelt durch das Wissen, das wir alle Neuland betreten und zu der gewohnten Filmarbeit ganz neue Erfahrungen machen und ständig etwas dazulernen.
Für mich war es toll, dass sich nach den Dreharbeiten diese Erfahrungen bei der Montage und auch bei der Tongestaltung und Musik fortführten und weiterentwickelten. Wir überprüften die Texte der Untertitel, hatten immer wieder mit dem Grafiker Arbeitsdurchgänge, wo im Bild die Titel positioniert sind, wie lange sie stehen, und ob sie auf- oder abgeblendet werden. Auch das Sounddesign und die Musik waren geprägt von Fragen und Diskussionen, die oftmals zu einem interessanten Erfahrungsaustausch führten. Immer wieder überprüften wir gemeinsam mit Gehörlosen, wie wir einerseits ihre Welt und Erfahrung in dem Film abbilden und andererseits die Zuschauer*innen in diese Welt eintauchen können.
Ich liebe es, dazuzulernen und Neues zu erkunden, und für mich als Regisseurin war „Du sollst hören“ eine spannende Herausforderung und zugleich eine besonders schöne und erfüllende Erfahrung.
Sie spielen die Richterin Jolanda Helbig, die darüber entscheiden soll, ob die kleine Mila ein Recht darauf hat, zu hören. Was war ausschlaggebend für Sie, die Rolle zu übernehmen?
Hier kamen tatsächlich mehrere glückliche Umstände zusammen. Zum einen habe ich schon öfter mit Petra Wagner zusammengearbeitet, und uns verbindet eine langjährige Freundschaft. Zum anderen ist es meiner Meinung nach überfällig, genau diese Tür zu öffnen und sich um eine gesunde Form der Wahrnehmung und Integration zu kümmern. Deutschland hängt tatsächlich im Gegensatz zu Amerika oder auch England etwas hinterher. Umso mehr hat es mich gefreut, als das ZDF und Simone Höller von der FFP Media mich gefragt haben, ob ich denn Lust hätte, diese Geschichte zu unterstützen. Ich wusste tatsächlich auch nur sehr wenig darüber.
Für den Film haben Sie auch mit gehörlosen Kolleginnen und Kollegen gedreht. War das eine neue Erfahrung für Sie?
Es war ganz wunderbar, unbeschreiblich intensiv und auch professionell. Ich bin tatsächlich sehr dankbar für diese tollen Begegnungen.
In ihrem Schlussplädoyer stellt Jolanda die Frage, ob es nicht Aufgabe des Staates sein sollte, die Gebärdensprache mehr in der Öffentlichkeit stattfinden zu lassen. Wie denken Sie darüber?
Ich denke, hier bin ich nicht die richtige Ansprechpartnerin. Damit fängt es ja eigentlich an, wir sind nicht die Vertreter. Die Stimme dieser Community wahrzunehmen, sie einzuladen und ernst zu nehmen, ihnen eine Stimme zu geben – das ist der Weg, und ja, das ist natürlich auch die Aufgabe des Staates, aber eben auch eines öffentlich-rechtlichen Senders. Dank an das ZDF.
Glauben Sie, dass Filme wie „Du sollst hören“ Zuschauerinnen und Zuschauer stärker für den Themenbereich „gehörlose Menschen“ sensibilisieren und nachhaltig Veränderungen bewirken?
Natürlich. Dafür sind wir ja auch da. Geschichten zu erzählen, die Menschen bewegen und sensibilisieren in ihrer Haltung zu allem und jedem, was uns umgibt. Bewusstsein erweitern – das ist der Luxus, aber eben auch die Aufgabe von uns Geschichtenerzählern.
Die Fragen stellte Sylvia Wolf.
Was machte für Sie den Reiz Ihrer Rolle und des Films aus?
Ganz generell ist es ein besonderer Reiz für alle Schauspielenden, eine Hauptrolle wie diese zu ergattern. Und natürlich die Tatsache, dass in dieser Produktion viele der Rollen taub sind und diese auch von tauben Menschen gespielt wurden. Wir haben einige großartige und authentische Schauspieler*innen innerhalb der gehörlosen Community, die teilweise noch unentdeckt sind.
Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Ihnen und Ihrer Rolle?
Conny muss in diesem Film unfassbar viele Hürden überwinden. Doch sie kämpft und gibt nicht auf, egal wie schwer es für sie ist. Ich verbinde das mit meinen Barrieren, die ich als Schauspielerin in der Vergangenheit erleben musste. Wir sind beide Rebellinnen und wissen, wie wir unsere Ziele erreichen.
Warum möchte Conny nicht, dass ihre Tochter operiert wird?
Ich habe die Rolle so angelegt, dass sie logisch und nachvollziehbar handelt. Deshalb gibt es auch Streit über die verschiedenen Meinungen mit ihrem gehörlosen Mann Simon und ihrer hörenden Schwester Jette. Solche Konflikte existieren, und sie bieten viel Spielraum. Deshalb kämpft Conny auch so stark dagegen an und will sich vor allem als Frau gegen diese Widerstände durchsetzen. Aus dem Drehbuch ging nicht hervor, wie Conny aufwuchs, daher haben Laura Lippmann (spielt Schwester Jette), Tobias Lehmann (Deaf Supervisor) und ich im Vorfeld viel diskutiert, warum und weshalb Conny in den jeweiligen Rollenkonstellationen so handelt und denkt. Sie hat Marginalisierung und Diskriminierung erlebt und möchte um jeden Preis verhindern, dass ihre Kinder dasselbe Schicksal erleiden müssen.
Wie haben Sie die Dreharbeiten empfunden?
Die Dreharbeiten waren ein rundum schönes Erlebnis, es gab ein „Feeling of Sameness“ – ich war nicht die einzige taube Person am Set, und DGS (Deutsche Gebärdensprache) wurde als gleichwertig angesehen. Einige Crewmitglieder waren neugierig und wollten Begriffe lernen. Alle gingen respektvoll miteinander um, und es gab keine Zeitverzögerungen, obwohl Hörende oft denken, dass taube Personen mehr Zeit brauchen. Auch mit der Regisseurin Petra K. Wagner war es wirklich toll, zu arbeiten. Sie brachte mir größtes Vertrauen entgegen und machte die Dreharbeiten dadurch sehr angenehm. Was die Umsetzung des Drehbuches angeht, war man offen für Änderungen und Korrekturen. Manche Besonderheiten der Tauben-Community entdeckte man erst im Prozess der Umsetzung. Kommunikation und Spielführung in Zusammenhang mit DGS am Set wird oft unterschätzt. Ich möchte die Rolle, die ich in DGS angeboten bekomme, auch auf hohem Niveau umsetzen. Es war ein tolles Gefühl, dass das alles bei dieser Produktion so selbstverständlich war. Ich fühlte mich als Teil des Teams, gleichwertig und auf Augenhöhe. Ich kann nur hoffen, dass sich dieses Bewusstsein auch auf andere Produktionen in Deutschland auswirkt und dass auch Taube am Filmset arbeiten können, vor und hinter der Kamera.
Was ist Ihre persönliche Meinung zum Cochlea-Implantat?
Ein CI ist eine persönliche Entscheidung und sollte das auch sein. Es wird problematisch, wenn Ärzte Macht über eine so wichtige Entscheidung haben, insbesondere wenn hörende Eltern ein gehörloses Kind bekommen. Die meisten Ärzte sind über das Verständnis der Gebärdensprache nicht ausreichend aufgeklärt beziehungsweise informiert. Man sieht uns als nicht gesunde Personen an, die „repariert“ werden müssen. Es wird meist ohne Rücksicht entschieden. CI kann kein Ohr ersetzen und bietet keine Heilung – im Gegenteil, bei vielen wirkt es gar nicht. Ich finde viel wichtiger, dass der Zugang zur Deutschen Gebärdensprache gewährleistet wird.
Können Sie das näher erläutern?
Fehlender Zugang zur Gebärdensprache beziehungsweise zur gehörlosen Gemeinschaft wirkt sich einschneidend negativ und verzögernd auf die Entwicklung der Sprache und der Identität aus. Hörende vergleichen gern mit Lautsprache und vertreten die Meinung, durch DGS könne nicht der volle Spracherwerb erreicht werden. Das Gegenteil ist aber der Fall. Es gibt bereits wissenschaftliche Belege dafür. Im Gehirn werden die gleichen Areale aktiviert wie bei Kindern, die mit der Lautsprache aufwachsen. Die DGS ist eine eigenständige Sprache, und es gibt verschiedene Gebärdensprachen weltweit – zum Beispiel American Sign Language (ASL) oder British Sign Language (BSL). Es gibt Kinder, die bilingual oder bikulturell aufwachsen, aber Gebärdensprache bleibt ihre Muttersprache. Native Sign’er sind diejenigen, die von klein auf den vollen Zugang zur Gebärdensprache und Kultur haben. Nach dem Mailänder Kongress von 1880, einem Taubstummen-Lehrer-Kongress, wurde der Zugang zur Sprache nicht allen ermöglicht, Gebärdensprache wurde schlichtweg verboten. Wer sich mit Deaf History beschäftigt, wird merken, wie viele Informationen vorenthalten wurden oder unentdeckt blieben. Der Kampf um die Anerkennung der Gebärdensprache dauert noch bis heute an. Andere Minderheitssprachen werden anerkannt, Gebärdensprache nicht, da sie oft als Taubstummensprache oder Zeichensprache abgetan wird.
Haben Sie eigene Erfahrungen damit gemacht?
Ja, ich selbst habe das so erlebt. Es hieß, DGS sei keine Sprache, und sie würde mich und meine Zukunft nicht weiterbringen. Tatsächlich hat sie mich aber sehr weit gebracht – durch harte Arbeit, innerhalb kürzester Zeit. Eine marginalisierte Identität kann einem extrem zu schaffen machen und sogar zu schweren Folgen im Alter führen. Das Bewusstsein, dass man nicht „falsch“ ist, sollte viel mehr gestärkt werden. Gebärdensprache ist lebensnotwendig, es ist keine Kunst- oder Tanzsprache, wie es immer noch gern gesehen wird. Deswegen fand ich die Rolle Conny besonders spannend, weil sie mit allen Mitteln durchzusetzen versucht, dass ihre Tochter nicht operiert wird. Die Fremdbestimmung durch den Arzt entscheidet über die Zukunft des Kindes, obwohl Conny es als Mutter und taube Frau viel besser weiß. Das macht die Geschichte von „Du sollst hören“ so relevant und sorgt hoffentlich für einen Diskurs in der Gesellschaft. Mehr Awareness für die Kultur und Bedürfnisse der Tauben- und Gebärdensprachgemeinschaft, das wünsche ich mir.
Was stört Sie am meisten in Alltag? Was vermissen Sie, wo besteht Verbesserungsbedarf für taube Menschen?
Ich wünsche mir mehr Filme über das Leben und den Umgang mit der DGS, deren Kultur und Geschichte. Wenn ich koreanische oder spanische Serien streame, erlebe ich deren Kultur in Verbindung mit der Sprache und den Geschichten, die erzählt werden.
Auch muss endlich das Wort „taubstumm“ gestrichen werden – ein alter Begriff, der aus der Antike stammt. Taubstumm wurde gleichgesetzt mit dem Wort dumm. Die Gehörlosenbewegung in den 1980er Jahren hat gefordert, den Begriff zu streichen und durch taub/ gehörlos zu ersetzen. Bis heute gibt es immer noch viele Menschen, die das nicht verstanden haben. Wir sind nicht stumm, wir sind laut.
In ihrem Schlussplädoyer schlägt die Richterin vor, lieber „taub“ statt „gehörlos“ zu sagen, das klänge weniger negativ. Wie denken Sie darüber?
In meinen Augen ist das komplette Plädoyer in Bezug auf die Anerkennung der deutschen Gebärdensprache und die Akzeptanz tauber Menschen sehr wichtig. Mit dieser Geschichte und anderen Geschichten in Film, Fernsehen und anderen Medien ist es möglich, die Zuschauer zu erreichen und mit Vorurteilen aufzuräumen. Gebärdensprache ist keine Kunstsprache. Es ist eine eigenständige Sprache und kann nicht mit Lautsprache verglichen werden. Davon müssen wir uns endlich distanzieren. Diese Sprache besitzt so viel Potenzial auf vielen Ebenen, das noch nicht mal ansatzweise ausgeschöpft wurde.
Das Interview führte Sylvia Wolf.
Was für ein Mensch ist Simon?
Simon ist ein guter Vater. Er will wie jeder Vater das Beste für seine Tochter und seine Familie. Allerdings beharrt er zu Anfang stur auf seiner Meinung, dass es für das weitere Leben seiner Tochter besser wäre, hören zu können. Er hat auch Angst, dass das Jugendamt ihm und seiner ebenfalls gehörlosen Frau die gemeinsame Tochter wegnehmen könnte. Im Gegensatz zu seiner Frau sieht er nicht, dass eine Operation mit einem CI viele Probleme und Schwierigkeiten für seine Tochter mitbringen könnte. So würde sie auch die sehr schöne und besondere Kultur der Gehörlosen verlieren. Erst im Laufe der Zeit begreift Simon, dass die Familie an erster Stelle steht, dass man alle Entscheidungen in der Familie gemeinsam treffen soll und dass man diese Entscheidung dann auch nach außen vertreten und verteidigen muss. Das ist in hörenden Familie ja genauso.
Warum stimmt Simon der Operation an seiner Tochter Mila zunächst zu?
Zum einen glaubt Simon, dass es seine Tochter im Leben leichter hat, wenn sie hören könnte. Er hat auch Angst, seine Tochter ans Jugendamt zu verlieren. Zum anderen hat Simon anfangs auch sehr pragmatische Gründe für die OP mit dem CI. So überlegt er sich beispielsweise, dass seine Tochter als Dolmetscherin für die gehörlosen Eltern fungieren könnte.
Und wie denken Sie über das Cochlea-Implantat?
Das CI spaltet auch die Gehörlosen. Jeder gehörlose Mensch ist anders, jeder für sich ist eine Persönlichkeit und lebt in seinem jeweiligen Umfeld mit Hörenden und Gehörlosen zusammen, privat und in der Öffentlichkeit. So stellt sich jedem Einzelnen die Frage, wie er zur OP mit einem CI steht. Es kommt neben der Persönlichkeit ebenfalls auf das Umfeld, die Lebensumstände und auf das Alter an und darauf, ob derjenige von Geburt an gehörlos ist oder erst im Laufe des Lebens aus unterschiedlichsten Gründen ertaubt ist. Ich bin durch eine von den Ärzten nicht erkannte Virusinfektion ertaubt, als ich acht Monate alt war. Ich kenne es nicht anders, für mich ist es ganz normal, in der Stille zu leben, und ich sehe es nicht als Behinderung. Aber mein bester Freund zum Beispiel ist erst mit 18 Jahren taub geworden und hat später ein CI bekommen. Die ersten Jahre mit CI waren sehr schwer für ihn. Es ist harte Arbeit, die Sprache wieder durch das CI hören zu können und mit vielen gesundheitlichen Problemen physischer und psychischer Natur verbunden. Aber an dieser Stelle alles ums CI erklären zu wollen, würde den Rahmen sprengen.
Ich bin der Meinung, dass jeder Gehörlose sich individuell mit der Möglichkeit eines CI beschäftigen und sich dann dafür oder dagegen entscheiden sollte, da es wie bei den meisten Dingen Vor- und Nachteile gibt. Ich persönlich hatte mich 1992 (da war ich zwölf Jahre alt) mit einem Arzt beraten, meine Mutter war dabei. Damals hatte ich mich gegen das CI entschieden – nicht wegen der Risiken, sondern weil ich in der Stille aufgewachsen bin und immer in der Stille gelebt habe. Ich habe mich und mein Leben in der Stille akzeptiert. Aber es ist sehr wichtig, die Gebärdensprache zu lernen.
Welche Zuschauerreaktionen würden Sie sich durch diesen Film wünschen? Was soll er bewirken?
Ich möchte den Zuschauer*innen mit diesem Film gerne die zwei Welten, die hörende und die gehörlose Welt, näherbringen. Ich möchte beide miteinander verbinden. Das geht aber nur, wenn alle Toleranz aufbringen und Gehörlosigkeit nicht als Behinderung ansehen, sondern als menschliche Eigenschaft. Man muss dafür geduldig sein, sich Zeit für den anderen nehmen und ganz in Ruhe miteinander kommunizieren. Jeder kann auch die Hände bewegen oder einen Stift zur Hilfe nehmen. Dann klappt die Kommunikation irgendwann sehr gut.
 Wie haben Sie die Dreharbeiten erlebt?
Wir haben uns alle sehr gut verstanden. Alle waren offen und neugierig auf dieses besondere Projekt. Wenn jeder sich Zeit für den anderen nimmt, klappt es gut mit der Kommunikation. Viele meiner Schauspielkolleg*innen und auch das gesamte Team haben einige Gebärden gelernt – wir hatten viel Spaß dabei.
 In der Szene mit dem Autounfall, an dem Simon unschuldig ist, droht er trotzdem den Kürzeren zu ziehen, weil der andere Fahrer ihn beschuldigt und der Polizist ihn nicht richtig versteht. Was könnte im Alltag im Umgang mit Gehörlosen und Hörenden generell verbessert werden?
Im Alltag sollte der Umgang unter den Menschen, hörend oder gehörlos, generell ein wenig optimiert werden. Keiner hat mehr Zeit oder Geduld für den anderen. Und jeder beharrt oft auf seiner Meinung. Die Gebärdensprache ist eine der ältesten Sprachen der Welt und nicht für „Behinderte“ erfunden worden. Es ist eine Sprache, die auch Körpersprache beinhaltet und rein visuell ist. Man hört mit den Augen. Alle Nationalitäten können so untereinander problemlos kommunizieren, ohne die jeweilige Landessprache verwenden zu müssen. Ist das nicht toll? Allein das wäre schon ein Grund, die Gebärdensprache generell stärker in den Alltag zu integrieren. Ganz abgesehen von den vielen Vorteilen, die Gehörlose mit höherer Präsenz von Gebärden im Alltag hätten. In anderen Ländern ist die Gebärdensprache schon lange fester Bestandteil im Alltag, es gibt dadurch viel weniger Missverständnisse. Deutschland hat da noch einiges aufzuholen.
Zur Szene oben möchte ich gerne noch folgendes Beispiel aus den USA nennen: Bei jedem gehörlosen Menschen steht im Führerschein der Vermerk „deaf“. Es ist gesetzlich geregelt, dass die Polizei bei einem Autounfall sofort einen Gebärdendolmetscher rufen muss, wenn sie diesen Vermerk im Führerschein sieht. Bevor der Dolmetscher eintrifft, darf keiner über den Unfall sprechen. Auch der Unfallgegner nicht, weil der Gehörlose alles verstehen können muss. Er kann aber erst alles verstehen, wenn der Dolmetscher eingetroffen ist und übersetzt. Vorher darf auch niemand aussteigen, nicht einmal zur Kontrolle. Die Szene im Film könnte in den USA so niemals stattfinden.
Was können Hörende von Gehörlosen lernen?
Hörende können von Gehörlosen das Gleiche lernen wie Gehörlose von Hörenden – Neugier, Lebensfreude, Offenheit, Ehrlichkeit, Toleranz, Kompromissfähigkeit, Verständnis, Empathie, Rücksicht und Menschlichkeit. Und natürlich kann ich ganz pragmatisch den interessierten Menschen (hörend oder gehörlos) Gebärden beibringen.
Das Interview führte Sylvia Wolf.
Wie haben Sie sich auf die Dreharbeiten mit Gehörlosen vorbereitet?
Wir haben mit Kolleg*innen gesprochen, die bereits Erfahrungen mit dem Dreh mit Gehörlosen hatten, haben aber schnell festgestellt, dass deren Erfahrungen nicht 1:1 auf unser Vorhaben übertragbar waren. Der Unterschied bei uns war, dass in unserem Film eine ganze Reihe gehörloser Schauspieler, darunter auch Kinder, mitgespielt und untereinander kommuniziert haben. Uns und unserer Redakteurin Petra Tilger war es wichtig, dass alle gehörlosen Figuren auch von tatsächlich gehörlosen Darsteller*innen verkörpert wurden. Das hat alle Gewerke, von der Maske über Kostüm bis hin zur Kamera und natürlich die Regisseurin vor die Frage gestellt: Wie kommunizieren wir? Nicht zuletzt für unsere Script Continuity war der Film eine große Herausforderung. Uns war schnell klar, dass wir eine ganze Armada von Gehörlosendolmetscher*innen und Kommunikationsassistent*innen brauchen werden. Tatsächlich haben wir aber erst am Tag der Drehbuchlesung erlebt und verstanden, auf welches Abenteuer wir uns da eingelassen hatten.
Inwiefern? 
Nun, wir haben selten eine so herausfordernde Drehbuchlesung erlebt. Neben unserer Autorin Katrin Bühlig, der Redakteurin Petra Tilger, der Regisseurin Petra K. Wagner und unseren Schauspielern, von denen eine per Videokonferenz dazugeschaltet war, waren mehrere Gehörlosendolmetscher*innen im Raum, und wir mussten zunächst einen Weg finden, reibungslos miteinander zu kommunizieren und Missverständnisse auszuräumen. Wir hatten zwar gelesen, dass es in der Deutschen Gebärdensprache verschiedene Dialekte gibt, uns war aber nicht klar, dass Taube, die aus unterschiedlichen Regionen kommen und sich noch nicht kennen, eine Weile brauchen, um sich auf gemeinsame Gebärden zu einigen. Das größte Learning an diesem Tag war aber, dass die Kommunikation zwischen den Darsteller*innen der Rollen Conny und Jette viel länger dauerte, als wir vorgestoppt hatten. Wir haben daraufhin sofort Gebärdencoachings für die hörenden Schauspieler*innen und Schauspielcoachings für die Szenen, in denen Hörende und Nicht-Hörende interagieren, organisiert; darüber hinaus haben wir die Dialoge vereinfacht und gekürzt. Die Gebärdensprache ist eine sehr alte und facettenreiche Sprache, keine Frage. Aber es gibt Dinge, die einfach schwer bis gar nicht zu gebärden sind. So sollte zum Beispiel Jette sagen: „Ich bin jetzt in einem Alter, in dem sich Schlafentzug ungünstig auf die Faltenbildung auswirkt. Das kannst du doch nicht wollen.“ Ein tauber Mensch würde das so nicht sagen. Im Film sagt Jette: „Ich kann nicht schlafen. Davon bekomme ich Falten. Willst du das?“ Im Grunde kommuniziert man mit Gebärden sehr viel direkter. 
Hatte diese Erkenntnis Auswirkungen auf die Arbeit am Set? 
Ja, absolut. Wir haben auf Anregung von Anne Zander, die Conny Ebert spielt, einen Deaf Supervisor engagiert, der während der gesamten Dreharbeiten und im Vorfeld auch bei den Coachings die Art und Weise, wie die tauben Schauspieler im Film gebärden, überwacht und uns in allen Fragen rund um die Gebärden beraten hat. Unser Deaf Supervisor Tobias Lehmann ist selbst taub. Seine Kommunikation mit der Regie lief wiederum über Dolmetscher*innen. Das Dolmetschen von Gebärden ist, genau wie Simultanübersetzen, sehr ermüdend. Daher müssen Gebärdendolmetscher*innen und Kommunikationsassistent*innen nach zwei Stunden abgelöst werden. So kamen wir täglich auf eine stattliche Anzahl. Die Kollegen haben sich sehr schnell ins Team integriert, sodass wir uns gegenseitig bereichert haben. Es dauerte nicht lange, bis wir alle einige Brocken Gebärdensprache konnten. Schön war auch zu sehen, wie die Kolleg*innen eigene Wege gefunden haben, reibungslos miteinander zu kommunizieren. Eine unserer Maskenbilderinnen hat sich einen ganzen Strauß von häufig gebrauchten Sätzen als Karten laminieren lassen, wie etwa: „Du hast da was zwischen den Zähnen.“ Das ganze Set war gelebte Inklusion. Wir bekommen immer noch Gänsehaut, wenn wir daran denken. Am letzten Drehtag haben wir uns sogar zugetraut, unsere Abschlussrede zweisprachig zu halten – dank eines Coachings von unserem Deaf Supervisor hat das auch ganz gut geklappt.
Ihren Schilderungen nach zu urteilen, waren die Dreharbeiten aufwändiger als üblich. War Ihnen das von Anfang an klar?
Natürlich war uns klar, dass der Dreh mit mehr Personal und Zeit ausgestattet sein musste. Das gesamte Ausmaß dessen, was es heißt, nicht „mal eben“ miteinander sprechen zu können, ist uns jedoch erst im laufenden Prozess klargeworden. Wenn wir im Ausland drehen, sprechen wir alle englisch. Doch Taube und Hörende haben keine gemeinsame Sprache. Zum Glück hatten wir im ZDF einen Partner, der dieses aufwändige Vorhaben mit uns gemeinsam gestemmt hat. Wir hatten von vornherein im Budget eine Spalte für Kosten, die im Vorfeld noch nicht genau zu beziffern waren. Dafür sind wir sehr dankbar.
Würden Sie wieder mit Gehörlosen drehen? 
Ja, jederzeit, vor allem mit der Erfahrung, die wir jetzt haben. Es liegt aber auch in unserem Naturell, uns auf neues Terrain zu begeben.
Das Interview führte Sylvia Wolf.
Das ZDF untertitelt mehr als 90 Prozent seines Programms, die Primetime-Fiction bietet fast flächendeckend zusätzlich Audiodeskription für Blinde und Sehbehinderte. Aber eine Fassung in Deutscher Gebärdensprache (DGS) gab es für einen Film im Hauptprogramm bisher nicht.
Aufgrund des Themas gab es schon mehr als ein Jahr vor der Ausstrahlung erste Gespräche über die mögliche Umsetzung. Welche Form von Untertitelung wählen wir? Zumal es im Film schon Untertitel für Hörende gibt, während die Darstellenden im Film gebärden. Schnell war klar, dass das vertraute Modell der zuschaltbaren inklusiven Attribute Sinn macht, denn das ist gelernt und von vielen Zuschauenden für TV und Mediathek voreingestellt (barrierefrei.zdf.de).
Warum eine Gebärdensprachfassung? Das ist für fiktionale Programme nicht üblich und wäre flächendeckend gar nicht umsetzbar. Bei diesem Fernsehfilm erschien es uns, der Abteilung für mediale Barrierefreiheit, sinnvoll, weil sicherlich sehr viele taube Menschen nicht nur am Filmischen, sondern auch an der Diskussion um Cochlea-Implantate interessiert sind. Aus Nutzer-Befragungen wissen wir, dass die Gebärdensprachfassung hilft, wenn es um komplexe Inhalte und schnelle Handlungsfolgen geht. Sie ist die Muttersprache der taub Geborenen oder früh ertaubten Menschen. Gerade Kinder und Heranwachsende profitieren von einer Gebärdensprachfassung, die außerdem Untertitel enthält.
Für uns war es eine Chance, ein Genre auszutesten, in dem wir bisher nur wenig Erfahrung sammeln konnten. Bei der Umsetzung haben wir uns für eine experimentelle Form entschieden: eine transparente Blase am rechten unteren Bildrand, in der wenige wechselnde Gebärdende zu sehen sind. Diese sind anhand der Kleidung den Schauspielerinnen und Schauspielern zugeordnet, was auch in Sequenzen mit mehreren Personen im Bild oder schnellen Szenenwechseln eine Orientierung bietet.
Auch wir Programm-Machende lernen jeden Tag dazu und stellen uns den Herausforderungen – des Marktes und der Gesellschaft. Daher sind wir dankbar für die Gelegenheit, diesen Film inklusiv machen zu können. Außerdem freuen wir uns auf eine Diskussion und den Austausch von Meinungen und Eindrücken.
Nicola Foltys, Leiterin Abteilung Barrierefreiheit
ZDF: Dienstag, 20. September 2022, 22.15 Uhr
ZDFmediathek: Dienstag, 20. September 2022, ab 8.00 Uhr
 
37°: Du sollst hören! Taub zwischen zwei Welten
Ein Film von Nanina Bauer
Anne ist von Geburt an taub. Doch das hindert sie nicht daran, als Schauspielerin erfolgreich zu sein. Für Hörende ist sie ein Wunderkind, weil sie die Lautsprache perfekt beherrscht. „Aber es ist für mich kein Kompliment, wenn man mir sagt, wie toll ich sprechen kann“, sagt die 34-Jährige. Denn sie hat jahrelang versteckt, was sie ist – eine Gehörlose.
Annes Hörfähigkeit beträgt 10 Prozent und sie gilt damit als schwerstbehindert. Als Kind tauber Eltern schien ihr Weg festgelegt: Sie würde nur eingeschränkt an der Gesellschaft teilhaben können.
Ihr Vater will, dass sein Kind ausschließlich mit Gebärdensprache aufwächst. Aus eigener Erfahrung weiß er, gehörlose Kinder begreifen die Welt mit den Augen, nicht mit den Ohren. Und sie kommunizieren mit den Händen. Aber die hörenden Eltern der Mutter drängen darauf, wenigstens den Versuch zu starten, Anne das Sprechen beizubringen. Der Vater kann das nicht akzeptieren und verlässt die Familie.
Anne bekommt sehr früh Hörgeräte und ihre Oma, Lehrerin an einer Gehörlosenschule, übt täglich intensiv mit ihr die Lautsprache. „Das war wie Leistungssport“, sagt Anne. Sie spielt Klavier, wird Teil einer Berliner Rollerderbymannschaft, tritt im Jugendtheater auf. Überall ist sie nur noch von Hörenden umgeben, vor denen sie ihre Taubheit immer erfolgreicher verbergen kann. „Ich wollte unbedingt beweisen, dass ich alles genauso gut kann wie Hörende.“ Anne macht Abitur, ohne Lernbegleitung, die ihr als Taube eigentlich zusteht. Das alles überfordert sie immer mehr, denn von dem Gesagten um sie herum kann sie sich nur circa 60 Prozent entschlüsseln. Das wird noch schwieriger, als sie ausgerechnet eine Schauspielerausbildung beginnt. Auch dort verschweigt sie ihr Handicap und bekommt wegen kleiner Sprachfehler keinen Abschluss. Trotzdem schafft sie es, Hauptdarstellerin in „I am Error.“, einem Film über eine Gehörlose, zu werden. Das wird schließlich auch ihr eigenes Coming-out als Taube. Schließlich bringt sie sich selbst die Gebärdensprache bei und bekommt Rollen am deutschen Gehörlosentheater.
Anne lebte lange in zwei gegensätzlichen Welten – die der Gehörlosen und die der Hörenden. Sie fühlte sich nirgendwo richtig zugehörig. Dieser Spagat wurde für Anne immer stressiger und endete schließlich in einem seelischen Zusammenbruch. „Ich bin immer nur auf Barrieren gestoßen, bis ich mich dann für die Gehörlosencommunity entschieden habe.“ Denn dort wird sie nicht ständig über ihren fehlenden akustischen Sinn definiert. Zum ersten Mal fühlt sie sich als vollwertiger Mensch und sagt heute selbstbewusst: „Dazu bin ich nicht auf der Welt, nur damit ich perfekt sprechen kann.“
„37°“ hat Anne zwei Jahre lang begleitet und miterlebt, wie sie ihre Identität als Taube gefunden und sich ihre Sicht auf das Thema Gehör und Sprache im Lauf der Zeit verändert hat.
 
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