Drei Abende, 12. bis 14. Juni, Heimathafen Neukölln. Der Verein Die Visionäre e.V. hat Yasmina Rezas Stück „Der Gott des Gemetzels“ erstmals vollständig in Deutscher Gebärdensprache auf die Bühne gebracht, mit simultaner Übersetzung in Lautsprache.
Ich war dabei und das Stück hat mir sehr gut gefallen.
Worum geht es?
Zwei Elternpaare treffen sich in einer Wohnung. Der Sohn der einen Familie hat den Sohn der anderen mit einem Stock ins Gesicht geschlagen. Die Eltern wollen das ruhig und vernünftig besprechen. Am Anfang sind alle höflich. Das ändert sich schnell.
Der Anwalt (gespielt von Jan Sell) bekommt während des Gesprächs immer wieder Anrufe wegen eines Pharma-Skandals. Der Großhändler (gespielt von Thomas Zander) wird regelmäßig von seiner Mutter angerufen. Es stellt sich heraus: Seine Mutter nimmt genau das Medikament, dessen Nebenwirkungen der Anwalt gerade vertuschen soll. Nach und nach kommen Schwächen und Geheimnisse aller ans Licht. Die Atmosphäre wird aggressiver, die Fronten wechseln ständig. Am Ende streiten alle mit allen. Gewonnen hat niemand.
Das Stück zeigt mit schwarzem Humor, wie schnell zivilisiertes Verhalten kippen kann.
„Der Gott des Gemetzels“ wurde 2006 in Zürich zum ersten Mal gezeigt. Nach 20 Jahren gibt es das Stück nun auch in Deutscher Gebärdensprache in Neukölln. Roman Polański hat es 2011 verfilmt, mit Christoph Waltz und Kate Winslet als Anwalt und Vermögensberaterin sowie Jodie Foster und John C. Reilly als Schriftstellerin und Großhändler.
Bühnenbild und Technik
Das Bühnenbild ist bunt und fröhlich, die Kostüme passen gut zu den Figuren. Alles wirkt stimmig zusammen.
Besonders interessant fand ich den Einsatz von Videotechnik. Wenn der Anwalt (Jan Sell) telefoniert, wird sein Bild direkt auf eine Leinwand übertragen. So sieht das Publikum, wie er in die Kamera gebärdet. Auch der Großhändler namens „Markus“ (Thomas Zander) telefoniert mehrmals per Webcam mit seiner Mutter. Er gebärdete dabei weg vom Publikum. Ohne die Videoeinblendung auf der Leinwand hätte man nichts verstanden. Dazu kommt noch eine „versteckte“ Kamera im Badezimmer.
Das Stück folgt nicht durchgehend dem Originaltext. Es gibt freie Anpassungen und Ergänzungen, die auch zur Gebärdensprach-Community passen. Zum Beispiel wurde Rolf Puttrich-Reignard in einem Satz erwähnt, der direkt im Publikum hinter mir saß.
Das Ensemble
Thomas Zander und Jan Sell haben viele Jahre Erfahrung auf der Bühne und im Kunstbereich. Sophia Mushold und Tabea Lehrner sind im Vergleich jünger. Das sieht man der Leistung aber nicht an. Alle vier agierten stark und authentisch.
Regie führte Ute Sybille Schmitz, die mit „Linie 1 in Gebärdensprache“ das erste Musical in Deutscher Gebärdensprache mit simultaner Übersetzung inszeniert hat.
Zur Übersetzung
Die Gebärdensprachübersetzung war insgesamt sehr stark. An wenigen Stellen wirkten Formulierungen noch sehr nah am deutschen Text, nicht wirklich freie DGS. Das fällt auf, wenn ich selbst als Übersetzer und Dolmetscher tätig bin. Meine Berufskrankheit. Das ist keine Kritik an der Gesamtleistung. Das Stück hat ungefähr 60 bis 80 Seiten. Alles in kurzer Zeit auswendig zu lernen und in Deutsche Gebärdensprache zu übersetzen, ist eine beachtliche Leistung.
Lautstärke der Live-Synchronisation
Auffällig im Publikum: Einige hörende Zuschauende hielten sich die Ohren zu oder steckten AirPods rein. Ich habe danach eine CODA gefragt. Die Antwort: Bei anderen Aufführungen mit Übersetzung ist es möglich, sich gut auf die gebärdensprachliche Darstellung zu konzentrieren. Diesmal aber sei die Lautsprach-Synchronisation deutlich lauter als gewohnt gewesen und habe von der gebärdensprachlichen Darstellung stark abgelenkt.
Reaktionen
Ein Teil des Publikums fand das Stück zu negativ. Zu wenig Leichtigkeit, man hätte sich fröhlicheres Theater gewünscht. Das ist ein verständlicher Wunsch, dem Stück gegenüber aber nicht ganz fair: Reza hat kein fröhliches Stück geschrieben. Wer das wusste und trotzdem kam, kam auf seine Kosten. Ich hatte genau das erwartet.
Ich mag Kammerspiele wie auch „Der Vorname“ und finde es toll, ein solches Stück in meiner Sprache zu sehen. Die Visionäre e.V. bietet in Berlin regelmäßig Kulturprogramm für die Gebärdensprachgemeinschaft an. Das hat einen Kontext: Gehörlosenzentren sind nicht mehr so präsent wie früher, das Gemeinschaftsleben hat sich individualisiert. Programme wie diese schaffen einen Ausgleich für das, was früher die Zentren geleistet haben.




















