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Elisabeth Kaufmann, 1. Vizepräsidentin des Deutschen Gehörlosen Bundes e. V. mit dem Schwerpunkt Kultur, hat eine Stellungnahme zum Film „Stille Liebe“ innerhalb der Serie SOKO München (ausgestrahlt am 11.02.2019) geschrieben und veröffentlicht:

Dieser Film führte zu einer riesigen Enttäuschung bei vielen Gehörlosen und gebärdensprachlich orientierten Menschen mit und ohne Hörbehinderung in Deutschland!

Grundsätzlich spricht natürlich nichts dagegen, einen Film über die Themen Gehörlosenkultur und Gebärdensprache zu drehen. Diese Idee ist sogar sehr zu begrüßen, da ja durchaus ein zunehmendes Interesse an der Gebärdensprache vorliegt.

Unsere Kritik bezieht sich auf das Ergebnis der Dreharbeiten, und zwar sowohl auf den Inhalt des Films, vor allem aber auf dessen Realisierung, die zu einem sehr schiefen Bild über die Lebenssituation der Gehörlosen innerhalb der hörenden Gesellschaft führen.

Dies liegt unter anderem auch und vor allem daran, dass der Regisseur in dem Film die zu spielenden gehörlosen Charaktere mit hörenden Schauspielern besetzt hat, die noch nicht einmal die Gebärdensprache beherrschen oder die Ausdrucksmöglichkeiten der Gebärdensprache kennen. Es gelang diesen Schauspielern nicht, die Tiefe der Rolle eines gehörlosen Menschen innerhalb der hörenden Gesellschaft auszuloten und zu vermitteln. Das Ergebnis war, dass der Regisseur, der Autor und eben die Schauspieler dieses Films die Gebärdensprache und das Leben der Gehörlosen innerhalb der hörenden Gesellschaft auf das niedrigstmögliche Kommunikationsniveau reduzierten, was schlicht und einfach nicht zu akzeptieren ist. Wer die Gebärdensprache nur einigermaßen kennt oder sogar beherrscht, weiß, zu welcher subtilen Aussagekraft sie den befähigt, der sie erlernt hat.

Dazu fallen noch Aussagen, die das Leben von Gehörlosen völlig falsch beschreiben. Wie zum Beispiel, dass es einen Verein gäbe, der Gehörlosen einen Assistenten vermittelt, um ihnen dabei zu helfen, rund um die Uhr den Alltag zu bewältigen und dass Gehörlose ohne einen solchen Assistenten aufgeschmissen wären. Gemeint sind sicherlich die Einsätze der Dolmetscher für Gebärdensprache und Deutsch. Ebenso wären ja auch die hörenden Menschen ohne solche Dolmetscher aufgeschmissen. Und ferner wird behauptet, dass wir Gehörlosen ausgegrenzt würden, da wir nicht der Gesellschaftsnorm entsprechen.

Wir möchten hier nur anmerken, dass die Gehörlosen keineswegs Probleme haben damit, in einem hörenden Umfeld die entsprechenden Gespräche mit Dolmetscher/-innen für Gebärdensprache und Deutsch zu führen, und dass sie auch nicht rund um die Uhr auf Assistenten angewiesen sind.

Es ist einfach sehr schade, dass hier versäumt wurde, für den Film echte gehörlose Schauspieler, von denen es viele in Deutschland gibt, zu engagieren oder zumindest einen gehörlosen Schauspieler oder eine Schauspielerin zur Beratung hinzuzuziehen. Man sollte sich ein Beispiel u. a. an dem Tatort „Totenstille“ nehmen, an dessen Drehbuch eine gehörlose Person mitgearbeitet hat und wo die drei gehörlosen Rollen mit echten gehörlosen Schauspielern besetzt wurden. Dieser Film wirkt authentischer und das Thema Gehörlosenkultur und Gebärdensprache wurde korrekt behandelt und beschrieben.

So steht es auch im Leitfaden für Medienschaffende in Bezug auf die Darstellung von Menschen mit Behinderung. Darin wird festgestellt, dass die reale Perspektive eines behinderten Menschen ihr fiktionales Format authentischer macht, wenn die Figuren mit Behinderung jeweils durch Schauspieler/-innen mit Behinderung besetzt werden oder sich gegebenenfalls im Hinblick auf die Darstellungsweise umfassend beraten lassen. Dieser Leitfaden wurde von der Koordinierungsstelle für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention beim Beauftragten der Bundesregierung für Menschen mit Behinderungen herausgegeben.

Es wäre sehr zu empfehlen, falls wieder einmal ein Film über das Thema Gehörlosigkeit bzw. Gebärdensprache gedreht wird, dass man sich vorab an den Deutschen Gehörlosen Bund, an das Deutsche Gehörlosen-Theater e. V. oder an andere Gehörlosen Theatervereine wendet. Denn diese verfügen in Deutschland über einen Pool an fähigen gehörlosen Schauspieler/-innen. Ferner kann von dort auch ein gehörloser Coach für die hörenden Schauspieler, die die gehörlosen Charaktere spielen, vermittelt werden. Außerdem ist anzumerken, dass je mehr gehörlose Schauspieler/-innen und Menschen mit Behinderung in Serien und Filmen mitspielen, ohne dass ihre Behinderung eigens thematisiert wird, dies umso normaler wird für die Gesellschaft und für deren Vorstellung von Behinderten deren Inklusion. Leider gibt es im deutschen Fernsehen in Serien und Filmen bis jetzt kaum gehörlose Schauspieler bzw. Schauspieler mit anderen Behinderungen. Aber vielleicht ändert sich das ja auch bald. Nur so kann die Inklusion besser klappen, was auch für Nichtbehinderte eine echte Bereicherung darstellen würde.

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1 KOMMENTAR

  1. Wie ist die Reaktion auf die Stellungsnahme? Es würde mich schon sehr interessieren. In den Medien, ob Druck, Internet, TV, wurde die Stellungsnahme in der hörenden Welt kaum berichtet, fast immer nur Taubenschlag, GZ…. Wir wissen ja über die Hörende, aber viel zu viele Hörende wissen nix über Gehörlosen, woher sollen sie wissen, wenn sie auch nicht informiert werden. Aber bei den Filmleuten ist es schon extrem, weil sie es nicht nötig halten, sich über uns, unserer Kultur, unsere Welt zu informieren.

    Nun, zurück zur Reaktion. Habe ich verpasst?

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