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Wenn einer unserer Sinne versagt, springen andere Sinne ein. Sie schaffen es, den Ausfall zumindest teilweise zu kompensieren. Auf eine einfache Formel gebracht könnte man sagen, dass Taube zum Beispiel besser sehen als Hörende. Sie reagieren auf Objekte an der Peripherie ihres Sehfelds schneller. Umgekehrt ist es so, dass blinde Menschen Sehenden gegenüber einen interessanten Vorteil mitbringen. Sie können Dinge schneller und zutreffender ertasten als andere.

Reaktionsfähigkeit muss sich entwickeln

Eine Studie im Jahr 2010 an der Universität in Sheffield (Vereinigtes Königreich) verglich die Seh- und Reaktionsfähigkeit von Hörenden und Gehörlosen. Im Rahmen der Studie wurden Kinder und Jugendliche verschiedenen Alters, hörend und gehörlos, in eine Art Halbkugel gesetzt. Diese Halbkugel war mit knapp 100 kleinen Lichtquellen ausgestattet. Die Probanden sollten einen Ring im Zentrum der Halbkugel fixieren. Dort war eine Kamera installiert, die die Reaktion der Augen prüfte. Dann wurden die Lichter in zufälliger Reihenfolge eingeschaltet. Die Kinder sollten mithilfe eines Joysticks so schnell wie möglich die jeweilige Position der Lichtreize anzeigen. Das Ergebnis war deutlich und zeigte starke Differenzen in Abhängigkeit vom Alter.

  • Gehörlose Kinder zwischen fünf und zehn Jahren reagierten langsamer als die sehenden Kinder im gleichen Alter.
  • Die Elf- und Zwölfjährigen reagierten gleich schnell, unabhängig, ob sie hörten oder nicht.
  • Erst ab dem jugendlichen Alter war die Reaktionsfähigkeit der Gehörlosen dem der Hörenden weit überlegen. Die Sehfähigkeit von Gehörlosen reift mit der Zeit und verbessert sich permanent in einem langjährigen Lernprozess.

Diese verbesserte Sehfähigkeit ist im Alltag äußerst hilfreich. Peripheres Sehen und Bewegungssehen ist im Straßenverkehr unverzichtbar für Gehörlose. Sie können so Gefahren wesentlich schneller wahrnehmen, zum Beispiel wenn ein Auto sich seitlich nähert. Mit dem Reaktionsvorsprung gelingt es ihnen, sich sicherer im Straßenverkehr zu bewegen.

Sehfähigkeit bestmöglich erhalten

Für Gehörlose ist es besonders wichtig, ihre ausgezeichnete Sehfähigkeit bis ins hohe Alter zu erhalten. Sie müssen und wollen sich auf das überdurchschnittlich gut arbeitende Sinnesorgan verlassen. Damit man sich dabei nicht auf eine Sehhilfe verlassen muss, gibt es auch die Option, die Sehfähigkeit permanent zu verbessern – und zwar durch das Lasern der Augen. Das mag für einige abschreckend klingen, ist es doch ein operativer Eingriff. Dank moderner Technologien ist das jedoch nicht mehr der Fall: Ein sehr schonendes, minimal invasives Verfahren namens Relex Smile ermöglicht es, die Sehkraft schmerzfrei und sanft zu erhalten. Wer über eine Augenlaser-OP nachdenkt sollte sich darüber informieren – immer mehr Ärzte wenden dieses Verfahren an.

Aspekte für die Berufswahl

Bei der Berufswahl kann die gesteigerte Reaktionsfähigkeit aufgrund der enormen Sehfähigkeit hilfreich sein, da sie den Anforderungen in manchen Berufen entgegenkommt. Tätigkeiten in Schulen (Lehrer), beim Sport (Schiedsrichter), in der darstellenden Kunst, beim Theater oder in der Regie bieten sich an. Die außerordentlich gute visuelle Wahrnehmung, die bei vielen Gehörlosen vorliegt, ist auch in Berufen rund um die Architektur und Landschaftsarchitektur hilfreich.

Fakt ist, dass die visuelle Wahrnehmung bei Gehörlosen oder schwerhörigen Menschen insgesamt intensiver ist als bei Menschen mit intaktem Gehör. Einer der Hauptgründe ist, dass die Konzentration nicht von Geräuschen unterbrochen wird. Das wirkt sich günstig auf die gesamte Wahrnehmung aus. Das Gehirn hat gelernt, den ausgefallenen Hörsinn zu kompensieren und es hat sich entsprechend umgebildet.

Blinde Tasten besser als Sehende

Dass taubblinde Menschen mit den Händen hören und sehen ist kein Geheimnis. Doch warum ist das so? Der Forscher Daniel Goldreich, Professor an der McMaster Universität in Hamilton (Ontario) Kanada untersuchte die Tasteigenschaften von blind geborenen Menschen und kann zu dieser Frage Antworten liefern.

Das Ergebnis seiner Untersuchung zeigt, dass Menschen mit ausgefallenem Sehsinn haptische Informationen erheblich besser verarbeiten können als Menschen mit intaktem Sehsinn. Sie überflügeln in diesem Punkt auch Menschen, die ihre Sehfähigkeit später in ihrem Leben verloren haben. Dabei sollte man meinen, dass jemand, der Gegenstände viele Jahre betrachten konnte, diese später mit seinen Händen besser wiedererkennt. Doch dem ist nicht so. Von Geburt an Blinde sind in der Lage die Informationen, die ihre Hände aufnehmen, viel schneller zu verarbeiten als spät erblindete.

Tastsinn hilft beim Erlernen der Blindenschrift

Blindgeborene Menschen sind Meister im Erlernen und Nutzen der Blindenschrift, sie können die speziellen Zeichen der Brailleschrift am schnellsten und besten ertasten. Die Wissenschaftler haben dafür zwei Erklärungen.

  1. Die erste Erklärung orientiert sich an der Sensibilität, die blinde Menschen bezüglich des Tastsinns aufweisen. Wer blind geboren wird und lebenslang lernt, Dinge mit den Händen zu ertasten und zu identifizieren, kann dies wesentlich besser als jemand mit intaktem Sehvermögen, unter anderem, weil er viel mehr Praxis darin hat.
  2. Eine zweite Erklärung richtet sich auf die Gehirnleistung. Das Gehirn nutzt den Teil des Sehzentrums, der eigentlich für das Sehen zuständig ist, um die Sinneseindrücke der anderen Sinne schneller und besser zu verarbeiten. Unser Gehirn ist sehr effizient und in der Lage Bereiche umzufunktionieren, die brachliegen. Es ist in der Lage, durch diesen cleveren Trick die ausgefallenen Funktionen des fehlenden Sinns mit nützlichen Verbesserungen der anderen Sinne aufzufangen.

Gehörlose spüren im Kiefer die Sprache

Die Haptik und das Körperempfinden von Gehörlosen ist ebenfalls enorm stark ausgeprägt, um den fehlenden Sinn zu kompensieren. Das fand der Forscher David Ostry  im Jahr 2008 heraus. Die Ergebnisse seiner Untersuchung wurden im September desselben Jahres in der Zeitschrift „Nature Neuroscience“ veröffentlich. Ostry beschäftigte sich mit der Sprache von Gehörlosen. Ausgangspunkt war dabei die Tatsache, dass Menschen, die erst im späteren Lebensabschnitt ihrer Hörfähigkeit verlieren, trotzdem viele Jahre lang noch deutlich sprechen können. Der Forscher wählte bei seiner Studie einen interessanten Ansatz. Ähnlich, wie ein Tennisspieler anhand seiner motorisch-sensorischen Erfahrung bemerkt, ob er einen Ball perfekt getroffen hat oder nicht, können Menschen mit Sprecherfahrung aus ihrer hörenden Zeit spüren, ob sie korrekt sprechen oder nicht.

Der Testaufbau sah vor, dass die Gehörlosen Testpersonen Begriffe von einem Bildschirm ablesen mussten. Während des Ablesens war in ihrem Kiefer eine Sonde befestigt, die minimale, für die Probanden unmerkliche Stöße verursachte, die eigentlich zu einer undeutlichen Aussprache hätten führen müssen. Obwohl die Probanden die Stöße nicht bewusst bemerkten, reagierten sie ausgleichend. Die Kieferposition wurde neu ausgerichtet und die minimalen Stöße entsprechend abgedämpft bis sich das Sprechen richtig für sie anfühlte. Daraus zog der Forscher den Schluss, dass die Bewegung und das damit im Zusammenhang stehende Gefühl im Kiefer einen großen Einfluss auf die Sprache haben. Der kanadische Gehirnforscher Jeffrey Jones, der an der Wilfrid Laurier Universität in Waterloo (Kanada) arbeitet behauptet, dass gehörlose Menschen sich sogar auf dieses Gefühl verlassen können, wenn sie korrekt sprechen wollen. Diese Erkenntnis lässt sich in praktischen Therapien umsetzen. Menschen können in Therapien, die sich auf Bewegungen des Kiefers fokussieren, lernen, Sprachprobleme in den Griff zu bekommen. Das gilt zum Beispiel auch für Menschen, die stottern.

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