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Taub und wohnungslos – Hintergründe und Hilfe

Gesellschaft
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Laut dem Wohnungslosenbericht der Bundesregierung gab es 2024 in Deutschland knapp unter 440.000 wohnungslose Menschen. Diese Zahl beinhaltet Personen, die institutionell untergebracht sind, temporär bei Verwandten oder Familie unterkommen und ungefähr 47.300 obdachlose Menschen. Wie viele Taube Menschen in Deutschland von Wohnungslosigkeit oder Obdachlosigkeit betroffen sind, ist jedoch nicht bekannt. 

Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Situation Tauber Menschen im Blick auf Wohnungslosigkeit in Deutschland und international. Dabei wird vorgestellt welche Barrieren wissenschaftliche Studien identifiziert haben, und wovon Betroffene in Erfahrungsberichten erzählen. Es geht auch um Errungenschaften in Kämpfen um die Rechte Tauber Menschen in Obdachlosenunterkünften und um Unterstützungsangebote, die bedürfnisorientiert neue Perspektiven schaffen.

Zahlen und Fakten 

In Deutschland gibt es keine Zahlen dazu wie viele Taube Menschen wohnungslos sind. In den USA gibt es jedoch Schätzungen, die vermuten, dass dort tausende Menschen betroffen sind. 

Eine Studie aus den USA zeigt außerdem, dass Taube Menschen auf dem Wohnungsmarkt diskriminiert werden. Im Rahmen der Studie wurden Firmen aus verschiedenen Bundesstaaten von Tauben Bewerber*innen und einer hörenden Kontrollgruppe telefonisch (mit Telefondolmetschservice) kontaktiert. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Hausverwaltungen bei Tauben Anrufer*innen regelmäßig einfach auflegten, höhere Mietpreise und Anmeldegebühren angaben, weniger Informationen zu den Wohnungen oder besonderen Angeboten gaben und anderes diskriminierendes Verhalten zeigten. 

Eine Studie aus Kanada belegt, dass obdachlose Menschen in Kanada aufgrund schlechter Gesundheitsversorgung ein höheres Risiko haben eine Hörbehinderung zu bekommen und nur selten Zugang zu entsprechenden Hilfsmitteln haben.

Allgemein scheint es nur sehr wenige Studien zu geben, die sich mit der Situation von Tauben Menschen in der Wohnungslosigkeit beschäftigen. Damit fehlt auch Wissen dazu welchen Unterstützungsbedarf es gibt und wo entsprechende Angebote vielleicht noch fehlen. 

Klage gegen die Stadt New York – für barrierefreie Obdachlosenunterkünfte

2013 verklagte Grace Ihetu die Stadt New York, da sie als Taube Person in Obdachlosenunterkünften keine angemessene Unterstützung erhalten habe. Als sie 2010 in New York obdachlos wurde, wendete sie sich an eine Unterkunft in den Bronx. Dort bekam sie jedoch keinen Zugang zu Dolmetscher*innen und wurde dann wegen der Kommunikationsschwierigkeiten von einer Unterkunft in die nächste verlegt ohne entsprechende Hilfe zu bekommen. Ein ähnlicher Fall ist auch bereits aus dem Jahr 1990 aus Los Angeles bekannt. 

Schließlich erhielt sie einen Kontakt zum New York Center for Law and Justice (dt.: New York Zentrum für Recht und Gerechtigkeit), das Taube, Taubblinde und Menschen mit Hörbehinderung in rechtlichen Fragen vertritt. Mit ihrer Unterstützung gelang es ihr endlich über die Stadt eine Wohnung zu bekommen. Mit dem Ziel die Situation für Taube Menschen in Obdachlosenunterkünften zu verbessern, reichte sie trotzdem eine Klage ein. Da es in den USA Gesetze gibt, die die Rechte von Menschen mit Hörbehinderung auch im Sozialsystem gewährleisten, war die Klage erfolgreich. Grace Ihetu erhielt vom Department of Homeless Service (dt.: Abteilung für Obdachlosenhilfe) Schadenersatz und dieses verpflichtete sich in Zukunft auf Nachfrage Dolmetscher*innen zur Verfügung zu stellen und Taube Bewohner*innen zu informieren, dass sie ein Recht auf Verdolmetschung haben. Außerdem sollen ihre Mitarbeiter*innen zukünftig zum Umgang mit Tauben Bewohner*innen geschult werden.

Unterstützungsangebote 

In den USA gibt es spezialisierte Unterstützungsprogramme für Taube Menschen, die von Wohnungslosigkeit betroffen sind. Eines davon ist Deaf Bridges to Recovery (dt.: Taube Brücken in die Regeneration) in der Umgebung von Atlanta im Bundesstaat Georgia. Das Programm ist laut der Webseite eines von drei derartigen Angeboten in den USA. Es richtet sich an erwachsene Männer, die obdachlos waren und sich von einer Suchterkrankung erholen. In der Einrichtung erhalten die Bewohner sozialarbeiterische Unterstützung und Therapieangebote in einer Umgebung ohne kulturelle oder sprachliche Barrieren. Die Angestellten sind alle Taub oder schwerhörig und die Zimmer sind mit Lichtalarmen und anderen Hilfsmitteln ausgestattet. 

In den USA und auch in Deutschland gibt es außerdem Einrichtungen, die Wohnraum an Taube Menschen mit psychischen Krankheiten oder Behinderungen vermitteln und dort lebende Menschen unterstützen. Dazu zählen in den USA die Organisation Deaf Reach Inc. und das Deaf Program von Threshholds sowie in Deutschland das Projekt für Betreutes Wohnen von Sinneswandel in Berlin.  

Außerdem gibt es in Deutschland Zufluchtswohnungen für von Gewalt betroffene Taube Frauen vom Verein Hestia e.V. in Berlin. Die Zimmer in einer Schutzwohnung sind laut ihrer Webseite mit Hilfsmitteln ausgestattet und die Mitarbeitenden arbeiten mit erfahrenen Dolmetscher*innen zusammen. 

Es gibt in vielen deutschen Städten auch Beratungsstellen mit DGS, die Sozialberatung anbieten. Diese können unterstützen und Betroffene an entsprechende Stellen weitervermitteln. Es gibt beispielsweise Fachstellen für Wohnungsnotfälle wie diese (mit DGS-Video) in Hamburg. Deutschlandweite Listen zu Beratungsstellen gibt es hier oder hier.

Über die Situation Tauber Menschen, die von Wohnungslosigkeit betroffen sind, ist allgemein wenig bekannt. Fälle wie die Klage von Grace Ihetu gegen die Stadt New York zeigen jedoch, dass die Bedürfnisse der Betroffenen in Sozialsystemen nicht ausreichend berücksichtigt werden. Spezialisierte Unterstützungsangebote, in denen es keine sprachlichen oder kulturellen Barrieren gibt, sind deshalb um so wichtiger.

Tags: Beratungsangebot, Miete, Obdachlosigkeit, Sozialhilfe, Wohnungen, Wohnungslosigkeit

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