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Ab und zu liest man von Fällen, in denen Kinder in der Wildnis aufwachsen oder so sehr vernachlässigt werden, dass sie einen kompletten Mangel an sprachlicher Stimulation erleben. Wenn diese sogenannten „Wolfskinder“ gefunden werden, sorgt es oft für großes Aufsehen in den Medien, nicht nur wegen der oft herzzerbrechenden Situationen, die dazu geführt haben, sondern auch weil diese Kinder, oder manchmal Erwachsener, keine Sprache beherrschen.

Bei diesen Fällen spricht man von sprachlicher Deprivation. Das Wort Deprivation leitet sich vom lateinischen Verb deprivare („berauben“) ab, also spricht man hier vom Raub einer Sprache. Sprachwissenschaftler behaupten, wenn ein Kind bis ungefähr zum fünften Lebensjahr — dem ungefähren Ende der „Kritischen Periode“ — keine Sprache erlernt hat, werde es nie irgendeiner Sprache völlig mächtig sein.

Doch um sprachliche Deprivation zu erleben, muss man nicht in der Wildnis aufgewachsen oder, wie das Wolfskind „Genie“, jahrelang eingesperrt worden sein.

Es gibt bisher keine veröffentlichten Studien über die Anzahl an Gehörlosen, die mit den Auswirkungen von sprachlicher Deprivation leben, doch Naomi Caselli, eine Assistenzprofessorin für Deaf Studies an der Boston University, behauptet, sie seien bestimmt die Mehrheit.

„Für die meisten Eltern ist ihr gehörloses Kind die erste gehörlose Person, die sie kennengelernt haben.“
– Wyatte Hall

„Viel Trauma geht damit einher“, sagte sie. „Mein Vater, zum Beispiel, hat an sprachlicher Deprivation gelitten. Als er noch ein Teenager war, ist sein Vater gestorben. Er konnte sich nie mit ihm richtig unterhalten. Es besteht noch eine fortwährende emotionelle Auswirkung.“

In den USA besagt das Gesetz, dass alle Kinder, die in Krankenhäusern geboren werden, auf Hörverlust geprüft werden müssen. Doch es gibt kein Gesetz, das Nachsorge verschreibt. Als Folge davon werden Eltern von gehörlosen Kindern — von denen geschätzt 90 bis 96% hörend sind — einfach auf sich gestellt.

Was diese Eltern erwartet, ist eine Menge schlechter Rat und offene Vorurteile gegen Gebärdensprache — eine veraltete Denkweise, die auf den Mailänder Kongress von 1880 zurückführt.

Wyatte Hall, ein tauber Postdoktorand im Institut für klinische und übersetzerische Wissenschaften an der University of Rochester sagte: „Für die meisten Eltern ist ihr gehörloses Kind die erste gehörlose Person, die sie kennengelernt haben. Sie wenden sich also an das Frühinterventionssystem, das auf das fokussiert ist, was sie ‚Kommunikation‘ nennen — also das (mündliche) Sprechen.’

„‚Kommunikation‘ kommt aber erst, nachdem jemand eine Sprache hat, und Sprache ist das, was für wahre kognitive Entwicklung nötig ist“, so Hall.

Eltern wird die Gebärdensprache oft sogar als eine Krücke dargestellt, die das Erlernen der Lautsprache hindert.

Allzu oft wird ihnen gesagt, sie müssten sich zwischen mündlicher Sprache und Gebärdensprache entscheiden, und vor so eine Wahl gestellt, wollen viele Eltern, dass ihr Kind so ist, wie sie auch sind. Vielen ist es auch nicht klar — und wird nicht klar gemacht — das Gebärdensprachen echte Sprachen sind. Es wird von vielen Ärzten und anderen Experten heftig betont, dass die Erfolgschancen ihrer Kinder in der Beherrschung der Lautsprache liegen, doch kaum wird erwähnt, dass die sprachlichen, sozialen und kognitiven Erfolgschancen eines Kindes durch zu spätes Erlernen der ersten Sprache beeinträchtigt werden.

„Wir brauchen, dass die Bevölkerung erkennt, dass Gebärdensprache kein Risiko darstellt.“
– Peter Hauser

In entwickelten Ländern bekommen ungefähr 80% der taub geborenen Kinder irgendwann ein Cochlear-Implantat (CI). „Cochlear-Implantate erzeugen ein elektronisches Symbol, nicht die Fähigkeit zu hören,“ sagte Hall. „Also verpassen [taube Kinder ohne Zugang zu Gebärdensprache] sowieso das erste Lebensjahr und Kontakt mit Sprache, und [wenn sie ein CI bekommen,] haben die Kinder keine Grundkenntnisse von einer Sprache, die ihnen helfen würden, diese elektronischen Symbole zu entziffern.“

Ob ein CI es einem Kind ermöglicht, genug von der Lautsprache mitzubekommen, um sie zu lernen, wird erst nach vielem Versuchen festgestellt. Die Kinder, für die es nicht so gut oder gar nicht klappt, haben dann viele Jahre ohne Sprache verloren.

„Sprachliche Deprivation ist wie Kindermissbrauch“

Nach einer 2012 geschriebenen Abhandlung hat sprachliche Deprivation eine Menge negative Auswirkungen auf Beziehungen, Bildung und Selbstständigkeit sowie auch auf das Gedächtnis, Lese- und Schreibfähigkeiten.

Peter Hauser, Neuropsychologe und Leiter des National Technical Institute for the Deaf Center on Cognition and Language schrieb in einer Email: „Wir brauchen, dass die Bevölkerung erkennt, dass Gebärdensprache kein Risiko darstellt. Sie bringt Vorteile mit sich. Das Nicht-Lernen von Gebärdensprache ist das, was ein Risiko mit sich bringt.“

Er fuhr weiter: „Es ist ein bedeutendes Thema für die öffentliche Gesundheit, denn sprachliche Deprivation ist wie Kindermissbrauch. Am Ende werden die Kinder vernachlässigt und beeinträchtigt.“

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