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Eine Woche nach der Premiere in München zeigte das Deutsche Gehörlosentheater gestern in Berlin sein neues Stück „Die Hauptsache“. Es ist eine Komödie aus der Feder des 1953 verstorbenen, russischen Theatermachers Nikolai Evreinov.

Um es vorweg zu nehmen: Das gesamte Stück war für mich (aus unterschiedlichen Gründen) schwer verständlich. Bei vielen Szenen wurde durchgehend in Lautsprache gesprochen. Mit Begleitung von Texteinblendungen, die dummerweise auf faltigen Vorhängen projiziert wurden, sodass viele Buchstaben verdeckt wurden und die Texte nicht angenehm zu lesen waren. Allerdings waren die Texte keine Übersetzungen, sondern hatten ein Eigenleben. Manchmal wurden Gebärdensprachvideos eingeblendet, die überbelichtet, gleichzeitig sehr schattig und an der faltigen Leinwand zudem schwer verständlich waren. Mir war auch nicht klar, ob das die Übersetzungen von manchen Szenen, die durchgehend in der Lautsprache gezeigt wurden, waren oder ob nicht. Ich fragte mich daher gestern durchgehend, ob das hörende Publikum wohl mehr vom Stück mitbekommt.

Ich habe das Stück einfach nicht verstanden und auch nicht wirklich genossen. Hier möchte ich mich gerne allgemein mit dem „inklusiven“ Konzept beschäftigen.

Der Regisseur Jeffrey Döring arbeitet bewusst mit Miss- und Nichtverstehen. Das mag lustig, spannend und herausfordernd fürs hörende Publikum sein. Die hörenden Menschen haben ohnehin eine große Auswahl von Theaterangeboten und können sich so ein Stück voller kommunikativen Barrieren mal antun. Nichtverstehen, Missverstehen und auch Halbverstehen gehören aber zum (manchmal schmerzvollen) Alltag tauber und schwerhöriger Menschen.

Ich erinnerte mich bei dem Stück gestern an jene alte Zeit, an die frühen 90er Jahre, als ich mir Kinofilme ohne Untertitel angeschaut habe, ohne sie komplett verstehen zu können. Filme wie „Jurassic Park“ und „Kevin allein zu Hause“ habe ich mir ganz ohne Untertitel angeschaut, weil es keine Untertitel gab. Damals war das normal und ich sprach am nächsten Tag mit meiner Schulklasse darüber, was wohl der Inhalt des Films sein könnte. Heute tue ich mir sowas natürlich nicht mehr an.

Damals war das Nichtverstehen traurige Realität einer Gesellschaft, die sich nicht darum bemühte, Angebote für alle barrierefrei zu gestalten. Gestern besuchte ich ein Theater und kann mehr als die Hälfte sprachlich nicht mitbekommen. Das heißt dann „Inklusion“.

Passt das Wort „Inklusion“ für das Theaterstück „Die Hauptsache“? Hat der bewusste Verzicht auf die volle kommunikative Barrierefreiheit mit Inklusion zu tun?

Das Deutsche Gehörlosentheater möchte in der „hörenden“ Theaterlandschaft gerne festen Fuß fassen. Diese neue Entwicklung ist verständlich und zu begrüßen. Das Gehörlosentheater möchte weg vom „Behindertentheater“ und sich neu erfinden. Vor über einem Jahr wurde dazu auch ein neues Logo eingeführt.

Caroline de La Trobe, die Projektleiterin vom Gehörlosentheater, erklärte damals den neuen Weg des Gehörlosentheaters: „Unsere Theaterdarbietung soll sich zu einer Kunstform etablieren. Ferner wollen wir mit anderen Theatergruppen (tauben wie hörende Theatergruppen) enger zusammenarbeiten, mit ihnen austauschen und unser Know-how erweitern.“ Sie erklärte auch weiter, dass das Deutsche Gehörlosentheater sein Publikum erweitern möchte und „viele neue Besucher, taub oder hörend, gewinnen“ will.

Nur ist Inklusion aber ein schwieriges Thema für die Gebärdensprachgemeinschaft, weil die Konzepte, Methoden und Ideen der Inklusion oft auf deren Kosten der tauben Menschen gehen, die am Ende nicht alles mitbekommen können. Wie kann ein inklusives Theaterstück aussehen, das allen gefällt? Es gibt dazu spannende Beispiele wie „Spring Awakening“ und „Prince Hamlet“, die vor allem in Nordamerika realisiert wurden. In Deutschland sind diese Versuche bisher oft gescheitert. Die tauben Zuschauer*innen müssen sich dadurch immer wieder Stücke ansehen, in denen sie teilweise über Minuten vom Geschehen und dem Gesagten ausgeschlossen werden. Hoffen wir darauf, dass das Jahrzehnt der „inklusiven“ Experimente bald ein Ende hat und wir uns in Deutschland Theaterprojektenanschauen können, die für alle spannend sind.

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3 KOMMENTARE

  1. Lieber Bengie, in der Hinsicht möchte ich dir gerne sagen, dass unsere kleine Theatergruppe BERLINER TAUBEN THEATER immer inklusive Stücke macht. Unsere letzte Produktion war zweimal komplett ausverkauft in Berlin und für alle taube und hörende Menschen zugänglich. Da wir aber recht klein sind, geht es manchmal unter, auch wenn es schöne Erfolge sind.

    • Liebe Billa, danke dir für deinen Kommentar! Ich würde gerne wissen, was du unter Inklusion verstehst. Die Stücken vom DGT waren seit langer Zeit schon immer „barrierefrei“ fürs hörende Publikum und verwendet das Wort „Inklusion“ aber erst jetzt. Was ist genau damit gemeint? Ab wann ist ein Projekt für dich inklusiv?

      • Sehr gerne, lieber Bengie. Ich kann nichts zum DGT sagen. Gerade das letzte Stück „Die Hauptsache“ habe ich (noch) nicht gesehen.
        Inklusiv bedeutet für mich ein gemischtes Team, egal welcher Hörstatus und das in DGS kommuniziert wird (während der ganzen Produktionsphase). Auf der Bühne wird in erster Linie nur gebärdet. Es wird für mich für die Hörenden „inklusiv“ gemacht, indem die tauben SchauspielerInnen Stimmen bekommen (die aber nicht unbedingt sichtbar sein müssen). Die Gebärdensprache hat Vorrang, aber es soll sich so anfühlen – nach meiner Auffassung – das keiner, ob taub oder hörend, das Gefühl bekommt ausgeschlossen zu sein. Eine Einheit, etwas Gemeinschaftliches, auf Augenhöhe.

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