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Zwei Jahre gehen ganz schnell um. Wie jeder von uns weiß, geht die Zeit schnell um, wenn man was Tolles erlebt. Eigentlich ist das schade, aber was uns bleibt, sind die schönen Erinnerungen und die Fotos, und die Erfahrungen, die wir von dieser Zeit mitnehmen.

Wovon wird jetzt eigentlich erzählt?

Fünf Gehörlosenschulen aus Europa haben mit der EU finanzierten Schulpartnerschaft Erasmus+ ein Projekt durchgeführt, das zwei Jahre dauerte. Das Motto war „Breaking the Silence“ und die Gebärdensprache und Gehörlosenkultur waren natürlich unser Steckenpferd.

Wir – das sind die Von-Lerchenfeld-Schule aus Deutschland, die Gehörlosenschulen aus Lodz (Polen), aus Bukarest (Rumänien), aus Ljubljana (Slowenien) und aus Athen (Griechenland). Jede Schule hat ein Kunstprojekt mit einem gehörlosen Künstler durchgeführt und jedes Land hatte einen anderen Schwerpunkt.

In Deutschland kam Marcus Willam, Pantomime und Gebärdensprachpoet. In Slowenien wurde Fotografie mit einem schwerhörigen Fotografen angeboten, in Griechenland Malerei mit gehörlosen Studierenden der Kunsthochschule Athen (Künstlern), in Rumänien Theater mit einem gehörlosen Schauspieler, der auch Pantomime ist. In Polen wurde Tanz mit einer schwerhörigen Tanzlehrerin geübt.

In jedes Land konnten drei bis fünf Schüler aus jedem Land reisen, die von zwei oder drei Lehrkräften begleitet wurden. Das Programm war voll mit Workshops und auch mit Ausflügen und Aktionen, die uns das jeweilige Land nähergebracht haben. Auch an die landestypischen Sitten, an das regionale Essen, an die Mentalitäten etc. wurden wir herangeführt.

Interessant war, dass die Schüler (zwischen 10 und 15 Jahren) am Anfang natürlich erstmal unter sich waren und sich erst nur mit den eigenen Lehrern und Mitschülern beschäftigen und unterhielten. Andere, die der Gebärdensprache und sogar auch der internationalen Gebärdensprache mächtig waren, waren mutiger und sprachen Schülern aus anderen Ländern an. Es war spannend zu beobachten, wie sich die Dynamik unter den Schülern im Laufe der Woche veränderte.

Sieben Tage lang konnte die europäische Gruppe zusammenwachsen. Am Ende jeder Projektwoche gab es eine Abschlussfeier mit Vorführungen der Ergebnisse aus den jeweiligen Workshops. Die Schüler konnten vor Eltern, Lehrern und geladenen Gästen aus der Gehörlosengemeinschaft des jeweiligen Landes stolz zeigen, was sie in der Projektwoche gelernt haben. Sie traten als internationale Gruppe auf die Bühne und zeigten sich als Gemeinschaft.

Der Abschied war immer sehr tränenreich. Die Schüler – und auch die Lehrer – mussten oft weinen, weil die tolle europäische Woche zu Ende ging. Es ging immer nahe ans Herz, die große Familie verlassen zu müssen.

Bei jedem Treffen war mindestens eine gehörlose Lehrkraft dabei. In Polen, beim letzten Treffen, waren sogar fünf gehörlose Lehrkräfte dabei, leider aus Rumänien nicht. (Dabei ist  an dieser Schule auch ein gehörloser Professor a. D. ein paar Stunden beschäftigt.) Für alle Schüler war es toll, verschiedene gehörlose Lehrkräfte zu erleben.

So hatten die Schüler gehörlose Identifikationsfiguren und Lehrer, die sie fast „barrierefrei“ ansprechen konnten. Für alle Schüler und Schülerinnen waren die männlichen gehörlosen Lehrkräfte besonders relevant. Denn wie wir wissen, ist die Pädagogik, vor allem die Grundschul- und die Sonderschulpädagogik, stark verweiblicht. Daher hat es allen gut getan, männliche Vorbilder zu sehen.

Und nicht zuletzt war es natürlich auch für uns gehörlose Lehrer ein großer Spaß uns miteinander und mit den interessierten hörenden Kollegen in internationaler Gebärdensprache zu unterhalten und auszutauschen.

Bevor wir alle zum allerletzten Treffen nach Lodz, Polen reisten, kannten sich einige Schüler schon vorher: und zwar über die sozialen Medien! Sie haben sich bei Instagram schon gefunden und eine Gruppe gegründet – eine europäische gehörlosen Schülergruppe. Das ist unsere Zukunft!!!!

Für mich persönlich, als taube Lehrkraft, war das ein tolles Erlebnis, eine tolle Erfahrung. Mir wurde wiederum bestätigt, wie toll unsere Gebärdensprache ist und auch wie schön es ist, mit anderen tauben Europäern zusammen zu sein und sich trotz der unterschiedlichen Herkunftsländer zu verstehen sowohl kommunikativ als auch über die gleiche Wellenlänge –  und dabei viel lachen zu können, trotz der vielen Arbeit, die hinter einem solchen Projekt steckt.

Danke für die schöne Zeit, liebe Kollegen über alle Grenzen! Danke Europa – ohne die Gelder der EU wären Projekte dieser Art nicht möglich. Auch ein riesengroßer Dank an unsere Koordinatorin Barbara Ellner-Lehmann, die ihr Herzblut in dieses Projekt steckte und für alles offen ist.

Für alle die sich dafür interessieren, wie unsere Projektwochen abgelaufen sind, hier noch eine genauere Beschreibung unserer Wochen in Bamberg und Athen:

Der Programmablauf in allen Schulen war ähnlich. Am Vormittag gingen alle Schüler in die Workshops. Die Lehrer haben teilweise im Workshop ausgeholfen bzw. in die eigenen Sprachen übersetzt, falls es Kommunikationsprobleme gab. Andere Lehrkräfte haben sich untereinander ausgetauscht, was noch an Formularen ausgefüllt und an Anträgen gestellt werden musste. An den Nachmittagen gab es Ausflüge in die jeweiligen Städte, in denen wir waren oder es gab Aktionen, an denen wir Spaß hatten. Am Freitagnachmittag hatte jede Gruppe freie Zeit zu Verfügung bis zur Abschlussfeier.

Das erste Treffen war bei uns im beschaulichen Bamberg vom 11. bis 17. März 2018. Es war für uns alle neu, für die Lehrer und auch für die Schüler. Natürlich auch für unseren gehörlosen Künstler, Marcus. Aber wie ihr alle Marcus kennt, hat er die Schüler alle schnell in seinen Bann gezogen. Zeitgleich haben andere Schüler mit Evelyn Ueding einen Film über die Bamberger Kultur gefilmt. Die Schüler waren begeistert vom Workshop, von den Workshopleitern und auch vom Treffen.

An den Nachmittagen haben wir die Stadt Bamberg gezeigt, Spieleabend und Kegelabend organisiert. Wir waren auch in Nürnberg und haben dort von der Evangelischen Gehörlosengemeinde eine Stadtrallye organisiert bekommen. Neben den zwei fränkischen Städten haben wir auch die fränkische Schweiz gezeigt und haben in der Teufelshöhle bei Pottenstein eine Führung bekommen. Dank der tollen Gebärdensprachdolmetscherin und Kollegin Anna Willmerdinger konnten wir den Inhalt der Tropfsteinhöhle vermittelt bekommen. Anschließend konnten wir in einen Indoor-Kletterwald zusammen Spaß haben. Das war eine interessante Abwechslung. Bei der tollen Abschlussfeier haben wir gemerkt, dass es weh tut, wenn man sich trennt, aber die Freude auf die nächsten Treffen tröstet.

Das dritte Treffen war in Athen. Da durften wir – vier Schüler/innen und drei Lehrerinnen – vom 8. bis 13. Oktober 2018 nach Athen fliegen. Von Bamberg fuhren wir mit dem Zug nach Nürnberg und von dort flogen wir nachts nach Thessaloniki. Der Anschlussflug nach Athen war zwei Stunden später. Wir konnten die Zeit bis zum Abend nutzen, die Stadt Athen zu besichtigen, nach einem kurzen Mittagsschlaf im Hotel, das im Zentrum lag. Es war für uns alle fast wie Urlaub, da ja in Athen die Temperaturen noch höher lagen als im kühlen Deutschland. Am Abend war die Wiedersehensfreude von einigen, die sich schon von den anderen Treffen kannten, natürlich groß. Bei diesem Treffen wurde der Ablauf der ganzen Woche besprochen. Da nicht alle Schüler der internationalen Gebärdensprache mächtig waren bzw. noch nicht gut gebärden konnten (wie z. B. Schüler mit AVWS – Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung), wurde die griechische Gebärdensprache in das Englische übersetzt und am Ende in die jeweilige Gebärdensprache der Länder übersetzt (in Deutscher Gebärdensprache, polnischer, rumänischer und slowenischer). So ging es die ganze Woche: gleicher Sinn, andere Gebärden und viele Hände, die gleichzeitig in Bewegung waren.

Am Montag besuchten wir alle die griechische Grundschule in Pefki, ein Stadtteil in Athen. Wir konnten uns die Schule anschauen. Mittagessen gab es in den Restaurants: natürlich den berühmten griechischen Souvlaki. Anschließend waren die Vorstellungen mit Präsentationen von allen Schulen und den gehörlosen Künstlern aus ihrem Land. Wir haben nach der Schulvorstellung FISE (Albert Fischer) vorgestellt.

Wir wurden jeden Tag an unserem Hotel von unserem Gastgeber Theodoros Rikkou abgeholt. An den folgenden Vormittagen gingen wir zur Universität für gestaltende Künste und bekamen neben der Schürze mit dem Aufdruck „Breaking the Silence“ noch Malutensilien. Die Themen waren Auge und Hände: unsere wichtigsten Körperteile um miteinander zu kommunizieren. An den Nachmittagen wurden wir durch die Stadt Athen geführt, wir besuchten die Akropolis und das Museum der Akropolis. Kulinarisch wurden uns natürlich griechische Mahlzeiten aufgedeckt, die einfach lecker waren. Am Donnerstag machten wir einen Ausflug in eine Kulturwerkstatt. Nachdem die Schüler ihre Aufgabe erledigt hatten: mit Moosgummi Hände ausschneiden und basteln, so dass sie den Anfangsbuchstaben ihres Namens als Fingeralphabet am Ende vorzeigen konnten. Danach konnten wir an den Hafen einer griechischen Stadt und durch die Gassen bummeln.

Am Freitag hatten wir frei und fuhren mit der Straßenbahn ans Meer. Leider hatten wir nicht mehr das beste Wetter, aber einige Mutige gingen ins Meer und jauchzten vor Glück. Man muss auch anmerken, dass nicht alle Schüler mit ihrer Familie in den Urlaub reisen können und so ist es ihnen durch das Erasmus Projekt ermöglicht worden, auch mal in ein anderes Land zu reisen und andere europäischen Länder kennenzulernen.

Bei der Abschlussfeier mit Schülern, hörenden Lehrpersonal, gehörlosen Lehrkräfte und Eltern war auch der bekannte Professor Chrissostomos Papaspryou, der lange in Deutschland an der Universität in Hamburg gearbeitet hat anwesend. Das war wieder eine großartige europäische gehörlose Familienfeier, die unsere Schüler aus allen Schulen erleben konnten.

Monika Schunk

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