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“Musikdolmetschen” ist seit wenigen Jahren ein beliebtes und gefeiertes „Inklusionskonzept“ in der Gesellschaft und kommt speziell bei hörenden Menschen besonders gut an. Es hat einen Medien-Hype ausgelöst. Bislang werden bei solchen Musikveranstaltungen oder Konzerten hauptsächlich hörende Dolmetschende eingesetzt.

Es gibt tatsächlich viele taube Menschen, die künstlerisch, poetisch und musikalisch aktiv sind. Sie sind aber nicht sichtbar für die Mehrheitsgesellschaft. Die tauben Performer_innen haben kaum Chancen, auf der Bühne ihre Kultur und Sprache selbst zu präsentieren.

Hörende Dolmetschende sind nicht behindert und haben häufiger uneingeschränkten Zugang und Kontakt zu Kulturschaffenden, Veranstaltenden, Musiker_innen und Presseleuten. Sie profitieren mittlerweile auch von dem Hype.

Inklusion bedeutet jedoch, dass auch taube Menschen aktiv daran teilhaben können. Das ist der Grundgedanke und die Grundidee von Inklusion. Hörende haben hier die Aufgabe, taube Menschen zu empowern und ihnen die Chance auf Teilhabe zu ermöglichen. Ganz nach dem Motto: Nicht über uns ohne uns!

Das alles auch im Sinne von Barrierefreiheit und Verständlichkeit. Die Musikübersetzungen hörender Dolmetschender sind für taube Besucher_innen oft nicht verständlich, daher nicht wirklich barrierefrei.

Wir, die Aktionsgruppe “Deaf Performance Now”, können diese Entwicklung nicht mehr mit ansehen, wie unsere Sprache und Kultur als “Inklusion” verkauft und auf diese Weise ausgebeutet wird. Wir haben hier 8 Forderungen aufgestellt:

#1 PRO VIELFALT

Wir fordern, dass die Musikperformance in Deutscher Gebärdensprache sich von dem Bereich Gebärdensprachdolmetschen ablöst. Es steht jedem Menschen mit hoher Gebärdensprachkompetenz frei, zu performen. Jeder Mensch, mit oder ohne Hörbehinderung, verdient die gleiche Chance auf künstlerische Teilhabe. Falls für eine Veranstaltung keine taube Performer*in gewonnen werden konnte, findet keine DGS-Performance statt.

#2 PRO KUNSTFREIHEIT

Wir fordern eine freiere Übersetzung von gesungenen Liedern in eine Form, die für die Gebärdensprachgemeinschaft verständlich und ästhetisch ist. Die bisherige textnahe Übersetzung in die Deutsche Gebärdensprache ist oft unverständlich und daher nicht barrierefrei.

#3 PRO TAUBE PRÄSENZ

Wir fordern einen sichtbaren Anteil von mindestens 51% von tauben Menschen bei der Teamarbeit, der Bühnenpräsenz und der Öffentlichkeitsarbeit. Wenn nur eine gebärdende Person auf der Bühne stehen soll, dann soll automatisch die taube Person bevorzugt werden.

#4 PRO GEBÄRDENSPRACHKULTUR

Wir fordern, dass die Bühne inklusiver wird und die Gebärdensprachkultur nicht die passive, sondern eine aktive Rolle spielt. Es bedeutet, dass das Programm nicht nur in die Deutsche Gebärdensprache übersetzt wird, sondern auch gebärdende Performer_innen sich aktiv an dem Programm beteiligen.

#5 PRO QUALITÄT

Wir fordern eine hohe Qualität von Darstellungen, die gute Vorbereitungsarbeit und hohe Sprachkompetenz einfordert. Spontane Darstellung ohne Vorbereitungen sind oft unverständlich und daher nicht barrierefrei. Für professionelle Performende muss eine Zusammenarbeit mit Dolmetschenden, egal ob taub oder hörend, eine Selbstverständlichkeit sein.

#6 PRO GERECHTIGKEIT

Wir fordern Gerechtigkeit in sozialer, politischer, organisatorischer, inhaltlicher und wirtschaftlicher Hinsicht. Ein inklusives und selbstbestimmtes Leben für alle erreichen wir nur in einer starken und gerechten Gemeinschaft. Es bedeutet, dass alle sich gleichberechtigt an allen Bereichen, von der Organisation bis zur Darstellung, beteiligen.

#7 PRO RESPEKT VOR GEBÄRDENSPRACHE

Wir fordern, dass die Gebärdensprache nicht von hörenden Personen als Instrument für die eigenen Interessen missbraucht wird und gleichzeitig die Gutgläubigkeit des hörenden Publikums ohne Gebärdensprachkompetenz ausgenutzt wird.

#8 PRO AUTHENTIZITÄT

Wir fordern, dass bei Anfragen für ein Interview, eine Einladung zu einer Talkshow oder andere Medien zum Thema Gebärdensprache und ihre Kultur oder Musikperformance nur taube Menschen in der Rolle als Expert_innen zu Wort kommen.

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