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Am Ende der 70er Jahren wurde in Nicaragua die diktatorische Somoza-Familie von der Sandinistische Nationale Befreiungsfront gestürzt und aus dem Land getrieben.

Die Sardinisten, die nun an der Macht waren, führten einen Kreuzzug gegen Analphabetismus. Zu diesem Zweck wurde eine Schule für gehörlose Kinder gegründet, das Centro de Educación Especial Melania Morales (ins Deutsche übersetzt: „Melania-Morales-Sonderschulzentrum“) in der Hauptstadt Managua. Das Ziel war es, den gehörlosen Kindern Spanisch beizubringen, die Grammatik, das Lesen und Schreiben, sowie auch wie man die Wörter ausspricht und von den Lippen abliest. Die Lehrer/innen haben keine Gebärdensprache benutzt.

Nie zuvor in Nicaragua waren so viele gehörlose Kinder an einem Ort. Sie waren im Alter von vier bis 16 Jahren und hatten keine Erfahrung mit Gebärdensprache und auch sehr wenig mit Sprache überhaupt. Zu Hause hatten die Kinder natürlich Gesten mit ihren Familien benutzt — das so genannte „home sign“, also „Hausgestik“ — keine vollwertige Sprache, doch nichtsdestotrotz eine Art Verständigung. 

Wenn die Kinder der Schule unter sich waren, haben sie sich wie alle Kinder verhalten. Sie freundeten sich an und, ohne eine gemeinsame Sprache, versuchten, sich miteinander zu verständigen. Auf dem Schulhof und in Bussen haben die Kinder ihre Hausgestik miteinander ausgetauscht. 

Am Anfang benutzten die Kinder für jedes Konzept natürlich eine Vielzahl an Gesten. Mit Sicherheit wurden nicht alle sofort verstanden und mit dem ständigen Versuchen, sich auszudrücken und vom Gegenüber verstanden zu werden, wurden einige Gesten zu denen, die von den meisten am schnellsten verstanden und demzufolge auch als Erstes verwendet wurden. Wo es am Anfang eine Vielzahl an Gesten für dasselbe Konzept gab, haben sich die Kinder mit der Zeit langsam auf einen kohärenten, immer wachsenden Wortschatz geeinigt.

Als neue Schüler in die Schule kamen, haben sie sich diesen bestehenden Wortschatz sehr schnell zu Eigen gemacht. Doch es fehlte noch etwas. Keine Sprache besteht nur aus einem Wortschatz. Ohne Grammatik kann man zum Beispiel nicht ohne Zweifel wissen, ob die Person  erzählt hat, dass die Lehrerin den Schüler gesehen habe, oder der Schüler die Lehrerin.

Mit der Zeit merkten die Lehrer/innen an der Schule und die Behörden, dass etwas Besonderes vor ihren Augen geschah. Sie verboten den Kindern nicht, miteinander zu gebärden, aber da sie den Kindern selbst keine Gebärdensprache beigebracht hatten, fragten sie sich, woher diese Fähigkeit kam.

Die US-amerikanische Sprachwissenschaftlerin Judy Shepard-Kegl (damals Judy Kegl) wurde eingeladen, die Schule zu besuchen. Nach ihrem ersten Besuch wurde sie auch von anderen Sprachwissenschaftler/innen begleitet. Diese waren sehr darauf bedacht, nicht ASL nicht mit den Kindern der Schule zu benutzen, um die Entwicklung der Sprache nicht zu beeinflussen.

Die Nicaraguanische Gebärdensprache gab Linguisten eine beispiellose Gelegenheit, die Geburt einer Sprache zu beobachten. Eine von den Linguistinnen, die Shepard-Kegl begleiteten, war Ann Senghas. In ihrer 1986 geschriebenen Doktorarbeit (Children’s contribution to the birth of Nicaraguan Sign Language) schrieb sie: „Soweit ich weiß, hat es keinen anderen Fall gegeben, in dem Linguisten und Psycholinguisten die Entstehung einer Sprache auf einer gemeinschaftsweiten Ebene dokumentiert haben.

Es sind die jüngsten Kinder, die Muster beobachten und erweitern und somit eine Grammatik erschaffen. Da diese Kinder ihr Leben lang von Sprachen isoliert worden waren und erst mit dem Spanischlernen angefangen hatten, hatten sie kein Beispiel von einer Sprache, an die sie ihr Gebärden anpassen konnten. So kreierten  sie etwas völlig Neues. Die etwas älteren Kinder waren nicht so sprachgewandt wie die jüngeren, denen sich die entwickelnde Sprache früher im Leben begegnete, und waren auch nicht so bereit, komplexe grammatische Strukturen zu verwenden.

Bei Lautsprachen führt derselbe Prozess dazu, dass aus Pidginsprachen Kreolsprachen werden, sobald Kinder mit der Pidginsprache großgezogen werden. Sehr junge Kinder erschaffen aus unvollständigen Sprachen ohne eine feste Grammatik ganz natürlich eine vollständige Sprache, solange sie die Möglichkeit haben, sich mit anderen zu verständigen.

Die spontane Entstehung der Nicaraguanischen Gebärdensprache wurde von vielen als eine Unterstützung für Noam Chomskys heiß umstrittene Theorie der „Universalgrammatik“ (UG) angesehen. Nach UG seien die Prinzipien von den grammatischen Möglichkeiten allen menschlichen Sprachen angeboren, und dieses angeborene Wissen soll Kindern verhelfen, Sprachen so erstaunlich schnell und ohne allzu viel Erfahrung zu lernen.

Alle anderen Gebärdensprachen sind mit Sicherheit auch auf diese Art und Weise entstanden. Oft werden sie mehr oder weniger durch schon bestehende Gebärdensprachen beeinflusst, wenn beispielsweise gehörlose Lehrer aus einem anderen Land kamen, wo eine Gebärdensprache schon existiert. So ist sind zum Beispiel die Amerikanische Gebärdensprache (ASL) und die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) mit der Französischen Gebärdensprache (LSF) verwandt und nicht mit der Britischen Gebärdensprache (BSL) oder der Deutschen Gebärdensprache (DGS), wie man vielleicht annehmen könnte, wenn man nur die Lautsprachen der Länder berücksichtigt. Gebärdensprachen von kleinen Gemeinschaften werden auch sehr oft von größeren Gebärdensprachen ersetzt, wenn die Sprachgemeinschaften Kontakt haben, so wie die nahezu ausgestorbene Hawaiianische Gebärdensprache, die langsam durch ASL ersetzt wird.

Da Gebärdensprachen erst im letzten Jahrhundert wissenschaftlich erforscht wurden und es sehr wenig an Beschreibungen von Gebärdensprachen aus früheren Zeiten gibt, sind in den letzten Jahrtausenden mit Gewissheit zahllose Gebärdensprachen entstanden und ausgestorben, während die Geschichten von Lautsprachen, vor allem im Westen, ziemlich gut dokumentiert worden sind.

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