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„Bisher ist es für Gehörlose noch sehr umständlich, einen Notruf abzusetzen. Vor allem wenn man dabei auch noch nervös ist“, gibt Michaela Kreß vom Polizeipräsidium Aalen zu bedenken und spielt damit auf das bislang verwendete Notfalltelefax an, das gehörlose Menschen als Notruf absetzen müssen.

Das soll sich nach Meinung von App-Entwickler Andreas Jürgen Muchow schon bald ändern. Er möchte den Notruf für Gehörlose mit einer von ihm entwickelten Notruf-App, die den Namen „HandHelp“ trägt, revolutionieren. Sehr anschaulich hebt er ein Exemplar des Notfalltelefaxes in die Höhe und zerreißt es vor den Augen aller Anwesenden mit den Worten: „Das brauchen wir jetzt nicht mehr!“

Zur Produktpräsentation sind neben dem eigens aus Berlin angereisten App-Entwickler und der Polizei verschiedenste Vertreter der Gehörlosen gekommen. So unter anderem Christian Gaus, Referent für Selbsthilfe und Öffentlichkeitsarbeit der Gehörlosen in Baden-Württemberg, der kommunaler Behindertenbeauftragter des Landkreises Roland Noller und eine Gebärdensprachdozentin der Paulinenpflege, Gabriele Braig.

Leo Keidel, Polizist und Geschäftsführer der Initiative „Sicherer Landkreis Rems-Murr-e.V.“, zählt ebenfalls zu den Anwesenden. Ziel seiner Initiative ist es, gemeinsam mit der Paulinenpflege ein Pilotprojekt zu initiieren, um die neue App in größerem Rahmen unter Gehörlosen testen zu können.

„Bis ich ein Notfalltelefax abgesetzt habe, bin ich schon lange tot“, spitzt Gebärdensprachdozentin Gabriele Braig die bisherige Situation zu und macht damit deutlich, wie umständlich das Verfahren zum Absetzen eines Notrufs für Gehörlose heutzutage noch ist. Auch Polizistin Michaela Kreß ist sich der Grundproblematik bewusst, sie besucht selbst regelmäßig Gebärdensprachkurse und wurde hierbei auf das Thema aufmerksam. Durch eigene Recherche ist sie schließlich auf den Berliner App-Entwickler Muchow gestoßen, der seit letztem Jahr mit seinem Unternehmen laut eigenen Angaben das Patent für ein Notruf-System in ganz Europa innehat. Schließlich hat Kreß die Kooperation zwischen der „Initiative Sicherer Landkreis Rems-Murr e.V.“ um Geschäftsführer Leo Keidel und der Paulinenpflege Winnenden angestoßen.

„Die Oberfläche der App besteht aus nur vier Buttons. Im Idealfall drücken sie einen davon und alle relevanten Daten werden übermittelt“, erklärt Entwickler Muchow die Funktion seiner App. Tatsächlich bietet die Neuentwicklung zahlreiche Vorteile, von denen die mehr als 80 000 Gehörlosen sowie die noch deutlich größere Zahl an Schwerhörigen in Deutschland profitieren könnten.

So werden zuvor auf freiwilliger Basis alle für einen Notfall relevanten Daten einer Person, wie zum Beispiel die Art der Behinderung oder die Blutgruppe, in der App hinterlegt und beim Absetzen des Notrufs an die zuständige Dienststelle automatisch übermittelt. Betroffene müssen über die vier Auswahlmöglichkeiten lediglich entscheiden, ob die Feuerwehr oder die Polizei alarmiert werden soll und zudem, ob der Notruf der eigenen oder einer dritten Person gilt. Darüber hinaus werden ein Foto und eine kurze Audiodatei vom Ort des Geschehens sowie der Akkustand des Handys automatisch an die Einsatzkräfte gesendet. „Die Kenntnis über den Akkustand hilft uns besonders, wenn das Gespräch (z.B. in Gebärdensprache) plötzlich abbricht“, bestätigt auch Polizistin Michaela Kreß. So könne man andere Ursachen für den Abbruch des Gesprächs ausschließen.

Für Gehörlose öffnet sich nach Absenden des Notrufs außerdem wahlweise ein Messengerdienst oder ein Videoanruf mit zugeschaltetem Dolmetscher. Dieser hilft, den Notruf wie vorgeschrieben durch die Polizei zu verifizieren, die sogenannten „Fünf W-Fragen“ zu beantworten und außerdem können Betroffene weitere Angaben und Informationen zum konkreten Vorfall machen. „Ab Mai sind unsere Dolmetscher aus der Dolmetscherzentrale 24/7 erreichbar“, wirbt Muchow für seine App.

Zusätzlich sendet die App automatisch GPS-Informationen zum genauen Standort des Betroffenen an die Einsatzkräfte. Damit ist die App nicht mehr ausschließlich für Gehörlose interessant, sondern bringt potenziell für alle Verbesserungen mit sich, die einen Notruf absetzen müssen. „Der Standort wird damit auf circa zwanzig Meter genau übermittelt, beim herkömmlichen Notruf über das Handynetz sind es in ländlichen Regionen hingegen noch mehr als 2,5 Kilometer“, erklärt App-Entwickler Muchow, da bei einem regulären Notruf der nächstgelegene Handymast und nicht das GPS-System für die Ortung des Anrufers verwendet werde.

Schließlich hat Muchow auch für Taubblinde eine Produktentwicklung parat. Ein fühlbarer, dicker und runder Chip mit einem roten Knopf, über welchen mithilfe von verschiedenen Druckmustern ebenfalls Polizei oder Feuerwehr alarmiert werden können.

Die App soll nun in der Paulinenpflege unter den Gehörlosen ausgiebig getestet werden, um sie daraufhin optimieren zu können. Auch die Arbeitsabläufe der Polizei sollen durch die Nutzung der Testgruppe aus der Paulinenpflege angepasst werden können.

Aus diesem Grund sucht die Paulinenpflege Freiwillige, die bereit sind, die App im Rahmen des Pilotprojektes zu testen, das zunächst auf die Dauer von einem Jahr angelegt ist. Für die Polizei fungiert das Projekt als Übergangslösung, bis eine offizielle Notruf-App des Landes Baden-Württemberg zur kostenlosen Nutzung bereitsteht. Die Initiative „Sicherer Landkreis Rems-Murr e.V.“ unterstützt den Pilotversuch finanziell. Interessierte melden sich bitte bei Monika Deyle: monika.deyle@paulinenpflege.de

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