Ob als Spiel, als bezahlter Mini-Job oder als „Beitrag für die Community“: Immer mehr Firmen bitten Gebärdensprachnutzer*innen, sich vor der Webcam zu filmen – als Trainingsmaterial für KI. In den USA ist daraus ein regelrechter Markt für ASL-Daten entstanden, und auch für die DGS laufen Projekte. Wir haben uns angeschaut, wer sammelt, wie gesammelt wird und wer am Ende profitiert. Und wir stellen Fragen, auf die es bisher kaum Antworten gibt – mit der Bitte um eure Meinung in den Kommentaren.
„Wie finden wir das eigentlich?“
Die Frage stellt gerade jemand im Subreddit r/deaf, und sie trifft einen Nerv: „How do we feel about new startups that collect …“ – also: Was halten wir von neuen Startups, die Gebärdensprach-Daten sammeln?
Die Antworten fallen überwiegend skeptisch aus. Der meistgelikte Kommentar besteht nur aus einem Satz: Man vertraue KI-Plattformen schlicht nicht. Eine taube Nutzerin wird deutlicher und zählt auf, was sie an der KI-Branche stört: Menschenrechtsverletzungen, Umweltschäden, der Umgang mit Künstler*innen. Den Firmen traue sie so wenig wie hörenden Fremden, die plötzlich ASL lernen wollen. Andere stellen die Einwilligung in den Mittelpunkt: Verstehen die Nutzer*innen wirklich, was mit ihren Daten passiert? Eine schwerhörige Person merkt trocken an, auch Hörende seien beim Sammeln von Sprachdaten nicht besser informiert worden.
Es gibt aber auch Fürsprecher*innen. Eine Person, die als Lexikograf*in arbeitet, erinnert daran, dass Sprachdatenbanken die Grundlage jedes guten Wörterbuchs sind. Gebärdensprachen könnten so endlich aufholen. Ein tauber Nutzer stimmt zu: Spiele, mit denen Taube und Hörende ihr Gebärden verbessern, nützten allen. Die Gehörlosengemeinschaft sei bei neuer Technik schon immer vorne dabei gewesen.
Der Thread zeigt auch, wie aufgeheizt die Stimmung ist. Die Person, die den Thread gestartet hat, verweist auf einen Instagram-Post über die Firma Atomic Hands, die ebenfalls in die Gebärdensprach-KI einsteigt und dafür heftig kritisiert wurde – obwohl sie laut Thread 40 Dollar pro Stunde fürs Annotieren zahlt. Sie wirft Kritiker*innen eine Doppelmoral vor: Dieselben Leute hätten Googles neue Gebärden-KI gefeiert. Der Wortwechsel endet teils gereizt, bis hin zum Vorwurf, der Thread sei Werbung für Google.
Anlass für solche Diskussionen gibt es genug. Allein im Oktober 2026 haben mehrere Firmen neue Sammelaktionen gestartet. Die Grundlogik ist immer dieselbe: KI-Modelle für Gebärdensprache sind bisher schlecht, weil es zu wenig gute Trainingsdaten gibt. Und diese Daten können nur von uns kommen – von Menschen, die gebärden.
Wer sammelt ASL-Daten – und wie?
Die Ansätze unterscheiden sich stark: Manche sammeln für die Forschung, andere bauen ein Geschäftsmodell auf den Daten auf. Ein Überblick über die wichtigsten Akteur*innen:
| Projekt | Wer steht dahinter | Wie wird gesammelt | Was passiert mit den Daten |
|---|---|---|---|
| CLERC mit Play With ASL | Taube Gründer: Florian Méloux (CLERC), Jon Mowl (Play With ASL) | Kurze Gebärden-Challenges per Webcam, als Spiel mit Ranglisten und Abzeichen; nur USA und Kanada | Werden an KI-Labore, Tech-Firmen und Forschung lizenziert; ein kleiner Teil ist frei verfügbar |
| Signs | NVIDIA mit der American Society for Deaf Children | Lernplattform: Wer ASL kann, nimmt Gebärden auf; ausgewählte Personen werden bezahlt | Soll als offener Datensatz veröffentlicht werden; Löschung jederzeit möglich |
| ASL Citizen | Microsoft Research mit tauben Forscher*innen | 52 Personen, rund 83.000 Webcam-Videos von 2.731 Gebärden | Mit Einwilligung und Bezahlung erhoben; nur für nicht-kommerzielle Forschung |
| GoSign.AI | Laut CLERC ein taub geführtes Unternehmen | Bezahlte Aufnahmen kurzer Clips in großer Menge | Ziel: größter kommerziell nutzbarer Datensatz |
| Google SL2T | Google, Idee von Sam Sepah (taub) | Über 100.000 Stunden in mehr als 50 Gebärdensprachen, davon rund ein Viertel ASL | Steckt in Gboard und Live Transcribe auf Pixel-Geräten |
Auffällig ist, wie sehr sich die Sprache der Projekte gleicht: Fast alle betonen, dass sie „mit“ und nicht „für“ die Community bauen. CLERC nennt seinen Datenbestand sogar „Deaf Digital Heritage“, also digitales Erbe der Gehörlosengemeinschaft, das in tauben Händen bleiben soll. Gleichzeitig spricht Gründer Méloux offen davon, dass große KI-Firmen wie OpenAI zu den Zielkunden zählen. Er bezeichnet CLERC ausdrücklich als Technologie- und nicht als Barrierefreiheits-Unternehmen.
Bemerkenswert ist der Überblick über bestehende Datensätze, den CLERC selbst veröffentlicht hat. Darin wird klar: Viele große Sammlungen wurden aus dem Netz zusammengetragen. Googles Datensatz YouTube-SL-25 etwa besteht aus YouTube-Videos, die nie für KI-Training aufgenommen wurden und deren Rechte bei den Urheber*innen liegen. Und die bekannte Sammlung WLASL stammt ebenfalls aus Web-Quellen. Auf ihr basiert zum Beispiel das Startup Talksign. Die neuen, bezahlten Sammlungen verstehen sich deshalb als „saubere“ Alternative.
Und in Deutschland?
Eine offene Mitmach-Sammelaktion wie in den USA gibt es für die DGS bisher nicht. Daten werden aber auch hier gesammelt – auf sehr unterschiedliche Weise.
DGS-Korpus (Hamburg): Das älteste und bekannteste Beispiel. Zwischen 2010 und 2012 wurden an zwölf Orten 330 taube Menschen beim Gebärden gefilmt, paarweise und von tauben Mitarbeiter*innen. Rund 50 Stunden davon sind als Öffentliches DGS-Korpus frei zugänglich, mit einem eigenen Portal für die Gemeinschaft. Das Korpus wurde für Sprachforschung und ein Wörterbuch angelegt. Heute ist es aber auch für KI-Forschung eine der wichtigsten DGS-Quellen. Die Teilnehmenden haben ihre Einwilligung aber zu einer Zeit gegeben, als von großen KI-Sprachmodellen noch keine Rede war.
RoGSiLT (DFKI und Inria): Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz arbeitet seit Sommer 2026 mit dem französischen Institut Inria an Übersetzungs-KI für DGS und LSF. Laut Projektmeldung sollen dafür neue, umfangreiche Videokorpora mit verknüpften Texten aufgebaut werden. Wie und von wem diese Daten erhoben werden, geht aus der Meldung nicht hervor.
G&L Systemhaus und Signapse: Das Kölner Unternehmen will ab Herbst 2026 einen fotorealistischen KI-Gebärdenden für DGS anbieten, etwa für Live-Streams. Grundlage sind laut film-tv-video.de umfangreiche Videoaufnahmen des tauben Berliner Gebärdensprachdozenten Andreas Costrau, der auch die Qualität prüft. Hier entsteht also kein Massen-Datensatz, sondern ein digitales Abbild einer einzelnen Person.
alangu und die Kritik des DGB: Wie umkämpft das Thema ist, zeigte im Oktober 2025 der Auftritt des Avatar-Startups alangu in „Die Höhle der Löwen“. Der Deutsche Gehörlosen-Bund begrüßte in einer Pressemitteilung, dass kein Deal zustande kam. Die Daten stammten aus der Community, so der DGB, oft gegen eine Bezahlung, die ihrem Wert nicht entspreche. Wer Daten liefere, aber weder Kontrolle noch Gewinnbeteiligung habe, erlebe „digitale Entmündigung“. Der Verband fordert unter anderem faire Bezahlung, Gewinnbeteiligung und transparente Datennutzung. (Transparenzhinweis des DGB selbst: DGB-Präsident Ralph Raule war bis 2024 Mitgeschäftsführer von alangu.)
Die offenen Fragen
Dass Daten gebraucht werden, bestreitet kaum jemand. Dass taube Gründer*innen diese Daten selbst sammeln wollen, statt sie hörenden Firmen zu überlassen, klingt zunächst nach einem Fortschritt. Doch viele grundsätzliche Fragen sind ungeklärt:
- Einwilligung – wofür genau? Wer heute ein paar Gebärden für ein Lernspiel aufnimmt, weiß nicht, in welchem Produkt sie in fünf Jahren landen. Reicht eine Einwilligung per Klick, wenn die Daten an Dritte lizenziert werden?
- Gesicht und Körper sind Teil der Sprache. Mimik ist Grammatik. Gebärden-Daten lassen sich deshalb kaum anonymisieren. Was bedeutet das für Datenschutz, für Deepfakes und für Menschen, die nicht erkannt werden wollen?
- Ist ein Spiel eine faire Form der Arbeit? Ranglisten und Abzeichen machen Spaß. Sie ersetzen aber keinen Lohn. Wenn Daten verkauft werden, warum werden dann nur die „Top-Beitragenden“ belohnt? Und ist ein Stundenlohn wie die 40 Dollar bei Atomic Hands fair, wenn der Datensatz später ein Vielfaches einbringt?
- Wem gehört die Sprache? Eine einzelne Gebärde ist kein Eigentum. Ein großer Datensatz ist es schon. Kann eine Firma – auch eine taub geführte – im Namen einer ganzen Sprachgemeinschaft „digitales Erbe“ verwalten und verkaufen?
- Wer profitiert am Ende? Die Versprechen reichen von Lern-Apps bis zur automatischen Übersetzung. Kommt der Gewinn bei der Gemeinschaft an oder bei den Labs und Investor*innen?
- Welche Gebärdensprache lernt die KI? Junge, technikaffine Menschen mit Webcam sind überrepräsentiert. Ältere taube Menschen, regionale Varianten, Black ASL oder taubblinde Menschen fehlen leicht. Wird eine „glatte“ Standardsprache zur Norm?
- Was passiert mit Dolmetscher*innen und Barrierefreiheit? Wenn Behörden und Firmen KI-Gebärdende einsetzen, droht genau das „Barrierefreiheits-Washing“, vor dem der DGB warnt.
- Wer kontrolliert die alten Daten? Korpora wie das DGS-Korpus oder YouTube-Videos tauber Creator*innen sind wertvolles Trainingsmaterial. Müssen die Gefilmten erneut gefragt werden, bevor ihre Gebärden in kommerzielle KI fließen?
- Kann man wirklich zurückziehen? Signs verspricht, Daten auf Wunsch zu löschen. Doch was ein Modell einmal gelernt hat, lässt sich nicht einfach „ent-lernen“.
Eure Meinung ist gefragt
Nach jahrzehntelanger Unterdrückung der Gebärdensprache ist es kein Detail, wer heute über ihre digitale Zukunft entscheidet. Deshalb wollen wir von euch wissen:
- Würdet ihr eure Gebärden für ein KI-Projekt aufnehmen? Unter welchen Bedingungen – und für wie viel Geld?
- Macht es für euch einen Unterschied, ob ein Startup von tauben oder hörenden Menschen gegründet wurde?
- Was müsste ein deutsches Projekt anders machen, damit ihr ihm eure Daten anvertraut?
- Sollten Verbände wie der DGB eigene Regeln oder ein Gütesiegel für Gebärdensprach-Daten aufstellen?
Schreibt es uns in die Kommentare!
Transparenzhinweis: Dieser Artikel wurde auf Basis einer menschlichen Idee und eines menschlichen Prompts von einer Künstlichen Intelligenz (KI) verfasst und menschlich gegengelesen. Fehler sind – wie beim Menschen – möglich. Auch hier: Schreibt gern euer Feedback in die Kommentare.


















